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Es werden Posts vom 2025 angezeigt.

Lazar

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 von: Nelio Biedermann gelesen und rezensiert: Dezember 2025 Selten war der Hype, um ein Buch, das ich lese, größer als bei diesem - vielleicht  noch am ehesten bei Caroline Wahls “Die Assistentin”. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen, vielleicht einfach daran, dass es Neuerscheinungen sind und der umkämpfte Literaturmarkt um sie besonders viel Lärm macht. Ob der Hype gerechtfertigt ist, also ob ich ihn für gerechtfertigt halte, sage ich euch zum Schluss. Familiengeschichte In “Lazar” begleiten wir eine ungarische Adelsfamilie durch große Teile des von Krieg und Wirren gekennzeichneten 20. Jahrhunderts. Und was noch vor dem Lesen auffällt, ist, dass das Buch gar nicht so aussieht wie eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen zieht, weil es nämlich kein unermesslicher Ziegel von einem Buch ist. Biedermann erzählt die Geschichte äußerst kompakt. Es geht ihm von Anfang an nicht darum, eine umfassende Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen, noch nich...

Outlive

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von: Peter Attia gelesen und rezensiert: Sept-November 2025 Länger leben, besser leben. Das menschliche Leben ist endlich und weil das so ist, gibt es wahrscheinlich, seit es Menschen gibt, auch den Wunsch, das eigene Leben zu verlängern. Peter Attia geht in seinem Buch “Outlive” der Frage nach, was können wir tun, um nicht nur unsere Lebensspanne zu verlängern, sondern vor allem unsere gesunde Lebenszeit - schließlich wollen wir nicht nur länger leben, sondern wir wollen die Zeit auch gesund und aktiv verbringen. Und das ist nicht ganz so einfach, das erklärt auch den Umfang des Buches, das mit knapp 500 Seiten exklusive Literaturverzeichnis auch ein gewisses Maß an Lebenszeit in Anspruch nimmt.  Die 4 Apokalyptischen Reiter Was uns daran hindert, unser Lebensalter zu erhöhen und gleichzeitig unser gesundes Lebensalter, das sind die 4 apokalyptischen Reiter des Alterns: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-II Diabetes, Krebs und neurodegenerative Erkrankungen. Daran sterben Menschen d...

Die Assistentin

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von: Caroline Wahl gelesen und rezensiert: November 2025 Ein viel diskutiertes Werk Caroline Wahl ist eine der Shooting-Stars der deutschen Literaturszene und ich habe mich nach “22 Bahnen” sehr auf ihr neuestes Werk “Die Assistentin” gefreut. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt habe, aber ich versuche mich - soweit möglich - von Informationen über Bücher, die ich lesen möchte, fernzuhalten, um einen unvoreingenommenen Blick auf das Werk zu bekommen. Wenn überhaupt, dann lese ich Kritiken oder Interpretationen, erst nachdem ich ein Buch gelesen habe. Ganz gelingt das selten, umso weniger, wenn es sich bei dem Buch eben um das Werk eines Shooting-Stars handelt. Ich wusste also ungefähr worum es geht und war gespannt, wie Wahl an das Thema herangehen würde. Ein Plot in 5 Sätzen Für alle, die den Plot nicht kennen, der lässt sich wirklich in aller Kürze nacherzählen. Charlotte, eine junge Frau, nimmt einen Job als Assistentin von einem Verleger in München an. Das wars auch sch...

Angststillstand

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von: Richard David Precht gelesen und rezensiert: Oktober / November 2025 created by: google gemini Ein neuer Essay in Buchform von Richard David Precht. Ähnlich wie “Das Jahrhundert der Toleranz” greift es ein Thema auf, das dem Autor augenscheinlich sehr am Herzen liegt. Diesmal geht es um die Meinungsfreiheit und die Frage, ob sie nach wie vor in dem Ausmaß vorhanden ist, wie sie eine liberale Demokratie, die auf einer deliberativen Öffentlichkeit basiert, braucht. Er schließt damit, zumindest fühlt es sich für mich so an, an das Buch “Die 4. Gewalt” an, das er mit Harald Welzer gemeinsam gemacht hat und für das er teils hart kritisiert wurde. Diesmal spannt er den Bogen allerdings noch ein bisschen weiter. Ging es in “Die 4. Gewalt” hauptsächlich um die Medienwirtschaft, so ist jetzt die Meinungsfreiheit ganz allgemein im Fokus. Und ich kann mein Urteil vorwegnehmen: Ich finde, es ist ein gutes Buch, zu einem guten Zeitpunkt.  Meinungsfreiheit - alles beim Alten? An der gesetzl...

Am Ende

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von: Jean-Remy von Matt gelesen und rezensiert: Oktober 2025 Wer auch immer mit Werbung zu tun hat - also nicht nur in der passiven, konsumierenden Rolle - kennt Jean-Remy von Matt. Seine Agentur, die er gemeinsam mit seinem Partner Holger Jung gegründet hat, ist Legende: Jung von Matt. In den vergangenen 30 Jahren hat diese Agentur die Werbebranche auf eine Art und Weise geprägt, die für den DACH-Raum einzigartig ist. Das war für mich der Anlass, einen Blick in das neueste Buch von Jean-Remy von Matt zu werfen, mit dem etwas traurigen Titel “Am Ende”. Erzählungen aus dem Leben eines Werbers “Am Ende” ist keine Autobiografie, kein Roman, keine Novelle, sondern vielmehr eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die aus dem Leben und Wirken von JRvM erzählen. Und es wäre kein Buch von ihm, wenn es keinen kreativen Zugang wählen würde. Dafür ist es wichtig zuerst einen Leitgedanken des Buches vorzustellen: Lege es weg, wenn es dir nichts mehr bringt. Da ich JRvM nicht kenne, möchte ich...

Das Museum der Unschuld

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von: Orhan Pamuk gelesen und rezensiert: September 2025 “Das Museum der Unschuld” ist das zweite Werk von Pamuk, an das ich mich heranwage und wie schon bei “Diese Fremdheit in mir”, habe ich auch zu diesem nur sehr schwer einen Zugang gefunden. In der Rezension zu “Diese Fremdheit in mir” habe ich davon geschrieben, dass es wichtig ist, sich auf das Buch einzulassen und sich davon mittragen zu lassen. Pamuk schreibt ausschweifend und teilweise sehr langatmig, weil er uns teilhaben lassen will, an der Stimmung und an so vielen Einzelheiten wie möglich. Als ich “Das Museum der Unschuld” zur Hand genommen habe, wusste ich also, worauf ich mich einlasse. Eine unerfüllbare Liebe? Wir sind im Istanbul der 1970er Jahre. Die Stadt schwankt zwischen Freiheitsliebe und religiösem Traditionalismus - auch 50 Jahre nach Atatürk. Das zeigt sich vor allem auch darin, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen noch sehr traditionell gelebt werden - wollen. Heißt nichts anderes als: Sex vor der Ehe ...

Über Menschen

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von: Juli Zeh gelesen und rezensiert: April 2025 Geschichten einer Zeit. Was für ein großartiges Buch ist das denn? Ich bin ja nicht so der Typ, der mit der Tür ins Haus fällt, aber in dem Fall kann ich nicht anders. Ich bin tief berührt auf eine Art und Weise, wie es mir bei einem Buch sehr lange nicht mehr passiert ist. Am Land ist alles schöner? Die Geschichte ist, ohne das in irgendeiner Form angriffig zu meinen, recht banal. Dora beschließt, aus einer dysfunktionalen Beziehung auszubrechen und zieht in ein Haus, dass sie sich gerade so kaufen konnte, nach Brandenburg. Ausschlaggebend für das Beziehungsende, wenn auch nicht entscheidend, war Corona, das in so vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen, auf Makro- wie auf Mikro-Ebene, als Brandbeschleuniger fungiert hat. Dora reicht es mit Robert, als er ihr anordnet, das Haus nicht mehr zu verlassen.  Aber schon davor hat Dora immer wieder Bläschen in sich aufsteigen gefühlt. Zehs Variante zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wen...

Der letzte Sessellift

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von: John Irving gelesen und rezensiert: Jänner / Februar 2025 Ein Meister des Erzählens Irving ist ein meisterhafter Erzähler, der mir bereits mit “Gottes Werk und Teufels Beitrag” begegnet ist. Und auch meine Reise mit “Der letzte Sessellift” begann schon lange bevor ich begonnen habe, das Buch zu lesen. Schon vor Monaten hatte ich das Buch, in der Buchhandlung meines Vertrauens, ein erstes Mal in der Hand und konnte mich nicht dazu durchringen, es zu kaufen. Einerseits war es der Umfang, der mich hat zögern lassen, andererseits war es, was ich auf dem Klappentext gelesen habe. Die Geschichte wirkte auf mich nicht besonders beeindruckend, jedenfalls nicht so beeindruckend, dass die Länge für mich gerechtfertigt gewesen wäre. In den Weihnachtsfeiertagen war ich allerdings auf Familienurlaub in Salzburg und hatte Zeit und irgendwie hat es sich richtig angefühlt, die Zeit für dieses Buch zu nutzen. Und das habe ich auch getan und weitere 4 Wochen danach. Dieses Buch zu lesen ist nicht e...

Wie viel Geschichte verträgt die Gegenwart?

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 Dunkelblum. Ein Blick in den Schatten. von: Eva Menasse gelesen und rezensiert: Mai 2025 Es muss doch irgendwann mal Schluss sein mit diesen alten Geschichten. Es muss doch irgendwann Vergangenheit Vergangenheit sein dürfen. Es muss doch irgendwann genug sein mit dieser ewigen Fragerei und der Suche nach den Schuldigen. Es hat doch niemand mehr etwas davon, wenn die Geschichten von vor 50 Jahren aufgewärmt werden. Das hört man vielerorts und vielermenschs. Vor allem dort, wenn in der eigenen Vergangenheit etwas schlummert, von dem ganz klar ist, richtig war das damals nicht. Solche Geschichten gibt es überall auf der Welt, manchmal sind es Kleinigkeiten, manchmal große Verbrechen. Der Wunsch nach vorne zu blicken ist nur allzu verständlich - die Geschichte darüber zu vergessen, das Unrecht, das anderen Menschen widerfahren ist und die Schuld unter den Teppich der Zeit zu kehren, das ist aber nur bedingt richtig. Blick in den Schatten In Dunkelblum wirft Eva Menasse einen literaris...

Durch welche Wand soll ich treten?

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Ein Blick in die fernöstliche Denktradition von: Kai Marchal gelesen und rezensiert: Juni bis Juli 2025 Ich wurde auf Kai Marchal durch die SRF Sendung „Sternstunden Philosophie“ aufmerksam. Es war ein angenehmes, erhellendes und irgendwie beruhigendes Gespräch, das er mit Barbara Bleisch geführt hat. Er erzählt aus seinem Leben, wie es ihn nach Taiwan geführt hat und wie sich sein Denken im direkten Kontakt mit fernöstlicher Weisheit verändert hat. In einem kurzen Exkurs spricht er über das Buch der Wandlungen und wie mittels 64 Hexagrammen orakelt werden kann. Werden, wer ich (nicht) bin.  Nicht erst seit ich mich dazu entschlossen habe, eine Ausbildung zum Achtsamkeits- und Resilienztrainer zu absolvieren, habe ich eine Nähe zur fernöstlichen Weisheitstradition; sie begleitet mich schon sehr viel länger. Ich habe mich ihr durch Bücher von Thich Nhat Hanh und Werke des Dalai Lama langsam angenähert und war immer fasziniert von dem, was ich da las. Es erschien mir also nur folgeri...

Ein Blick in die Vergangenheit.

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  Der Nahe Osten zwischen Balfour Deklaration und der Staatsgründung Israels von: Oren Kessler gelesen und rezensiert: August 2025 Mehr Wissen, weniger meinen.  Der Nahost-Konflikt ist spätestens seit dem 7.10.2023 nahezu omnipräsent. So gut wie jeder hat eine Meinung dazu und ebenso sicher sind sich viele darin, wer denn nun Schuld daran trägt, dass es so ist, wie es nun einmal leider ist. Ich halte das für sehr gefährlich. Nicht jeder soll oder muss gar eine Meinung zu einem so komplexen Thema haben, besonders nicht, wenn diese Meinung nicht auf wirklich soliden Fakten basiert. Und das tut sie seltener, als mir lieb ist. Österreich und Deutschland nehmen aufgrund ihrer Vergangenheit eine besondere Rolle ein - keine, auf die wir stolz sein können. Gerade für uns ist es daher umso wichtiger, sehr sensibel mit Äußerungen zu diesem Themenkomplex umzugehen, und gerade für uns ist es wichtig, dass wir uns sehr intensiv damit befassen, bevor wir etwas sagen.  Ein fundierter Bl...

Moralspekatel

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Das Spektakel ist im Gange!  Autor: Philipp Hübl gelesen und rezensiert: Juni 2025 Wie ist das jetzt mit der Welt? Bin ich verrückt geworden oder sind es doch alle anderen - was natürlich für das eigene Selbstempfinden deutlich besser wäre? Die Antwort von Philip Hübl, die ich im zumindest so in den Mund legen möchte: es sind die anderen. Aber worum geht es überhaupt und wie komme ich dazu dem Autor das in den Mund zu legen? Philipp Hübl ist Philosoph und hat sich in seinem neuesten Werk "Moralspektakel" mit, wie könnte es anders sein, Moral auseinandergesetzt, aber auf eine wie ich finde kritische, praxisnahe und sehr gut in die Zeit passende Art und Weise. Was wir heute in den Medien und nicht zuletzt in den Sozialen Medien, erleben, das beschreibt er als Moralspektakel. Es geht nicht so sehr darum, dass es wirklich besser wird auf der Welt, sondern darum, dass alles so wirken wollen, als würden sie zu einer besseren Welt beitragen. Hübl liefert aber nicht nur diese steile ...

Shitbürgertum

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Hilfe, das Shitbürgertum...  Autor: Ulf Poschardt gelesen und rezensiert: August 2025 Die richtige Grundannahme, der falsche Weg? Es läuft nicht rund auf der Welt. Es läuft nicht rund in Europa und vor allem in Deutschland. Diese Annahme oder Feststellung - je nach persönlichem Geschmack - ist die Grundlage für das Büchlein von Ulf Poschardt. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, mit diesem Befund umzugehen. Man kann beispielsweise eine differenzierte Analyse vornehmen und sich ansehen, was denn genau nicht funktioniert und Gründe dafür aufzählen. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und anhand von konkreten Problemen konkrete Lösungen aufzeigen, um möglicherweise zu einem Fortschritt beizutragen. Oder man kann das tun, was Ulf Poschardt getan hat: einen Schuldigen suchen und finden. Die Überraschung darüber, wer denn nun der Schuldige ist, bleibt überschaubar - die Antwort findet sich schon im Titel. Schuld an der Misere ist das Shitbürgertum. Eine gesichtslose und namenlose...