Die Assistentin
von: Caroline Wahl
gelesen und rezensiert: November 2025
Ein viel diskutiertes Werk
Caroline Wahl ist eine der Shooting-Stars der deutschen Literaturszene und ich habe mich nach “22 Bahnen” sehr auf ihr neuestes Werk “Die Assistentin” gefreut. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt habe, aber ich versuche mich - soweit möglich - von Informationen über Bücher, die ich lesen möchte, fernzuhalten, um einen unvoreingenommenen Blick auf das Werk zu bekommen. Wenn überhaupt, dann lese ich Kritiken oder Interpretationen, erst nachdem ich ein Buch gelesen habe. Ganz gelingt das selten, umso weniger, wenn es sich bei dem Buch eben um das Werk eines Shooting-Stars handelt. Ich wusste also ungefähr worum es geht und war gespannt, wie Wahl an das Thema herangehen würde.
Ein Plot in 5 Sätzen
Für alle, die den Plot nicht kennen, der lässt sich wirklich in aller Kürze nacherzählen. Charlotte, eine junge Frau, nimmt einen Job als Assistentin von einem Verleger in München an. Das wars auch schon. Im Roman begleiten wir Charlotte durch ihre knapp 9 Monate gemeinsam mit dem Verleger. Der erweist sich sehr schnell als exzentrisch und schwierig. Er behandelt seine Assistentinnen - es gibt immer zwei und sie wechseln recht schnell - so, wie es eine Führungskraft niemals tun sollte. Er kennt keine Grenzen und ist absolut sprunghaft in seinem Verhalten. In der einen Sekunde ist er der freundlichste, netteste und zugewandteste Mensch, den man sich nur vorstellen kann, in der nächsten ein rachsüchtiger, gemeiner, boshafter Tyrann. Charlotte wiederum sucht nach der Anerkennung ihres Chefs, freut sich, wenn sie gelobt wird, und ist niedergeschlagen, wenn sie getadelt wird. Sie bezieht die Fehler, die der Verleger im Umgang mit ihr macht, auf sich und entwickelt Strategien, um besser mit ihm umgehen zu können. Das klingt verrückt, weil es das auch ist. Jeder “normale” Mensch würde einfach seine Sachen packen und gehen. Der “normale” Mensch in diesem Roman ist Bo, der Freund von Charlotte, der ihr auch genau das sagt: du musst dort weg. Das kann Charlotte aber nicht, oder zumindest nicht sofort.
Aus eigener Erfahrung
Wer so eine Situation mit einem Vorgesetzten oder einem ähnlich gearteten toxischen Umfeld noch nicht gemacht hat, der wird sich beim Lesen des Buches vermutlich zurücklehnen und fragen: Was ist los mit der? Wer das allerdings schon einmal erlebt hat, wird sich allerdings sehr gut in Charlotte einfühlen können. Der Mensch ist grundsätzlich darauf ausgelegt, Anerkennung zu suchen, weil wir soziale Wesen sind und Anerkennung ein Modus, um unseren sozialen Status zu definieren. Dabei kommt es zunächst nicht so sehr darauf an, von wem die Anerkennung kommt. Das ist ein Reifungsprozess, der bei unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich lange dauern kann. Ich beispielsweise neige noch heute - und ich bin 42 während ich diese Zeilen schreibe - dazu, Menschen, die einen höheren sozialen Status haben - weil sie beispielsweise meine Chefs sind - zu gefallen. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es an sich noch keine Leistung ist, Chef von jemandem zu sein.
Leseempfehlung
Der Plot des Buches ist also recht simpel, aber die Feinheiten und Nuancen machen es aus. Und da kommt es sehr auf die eigenen Erfahrungen an. Ich konnte sehr viel aus meinem Leben in das Buch hineinlesen, deswegen hat es mich angesprochen, auch wenn es mir bei weitem nicht so gut gefallen hat, wie “22 Bahnen”. Wer sich Gedanken darüber macht, wie die Arbeitswelt funktioniert und “Machtverhältnisse”, der ist mit dem Buch, aber auf jeden Fall gut beraten.

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