Shitbürgertum


Hilfe, das Shitbürgertum...


 Autor: Ulf Poschardt

gelesen und rezensiert: August 2025




Die richtige Grundannahme, der falsche Weg?



Es läuft nicht rund auf der Welt. Es läuft nicht rund in Europa und vor allem in Deutschland. Diese Annahme oder Feststellung - je nach persönlichem Geschmack - ist die Grundlage für das Büchlein von Ulf Poschardt. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, mit diesem Befund umzugehen. Man kann beispielsweise eine differenzierte Analyse vornehmen und sich ansehen, was denn genau nicht funktioniert und Gründe dafür aufzählen. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und anhand von konkreten Problemen konkrete Lösungen aufzeigen, um möglicherweise zu einem Fortschritt beizutragen. Oder man kann das tun, was Ulf Poschardt getan hat: einen Schuldigen suchen und finden.

Die Überraschung darüber, wer denn nun der Schuldige ist, bleibt überschaubar - die Antwort findet sich schon im Titel. Schuld an der Misere ist das Shitbürgertum. Eine gesichtslose und namenlose Masse von Menschen, die an den Zitzen des Staates hängt und sich an seinen Alimenten labt. Schuld an der Misere ist also auch der Staat, der vom Shitbürgertum gekapert und in eine massives Wertallokationsmonster verwandelt hat. Der Staat nimmt von der hart arbeitenden Mehrheitsbevölkerung und finanziert ein sich in Moralspektakeln (der Begriff ist von Philipp Hübl entlehnt, der darüber ein sehr kluges Buch geschrieben hat) ergehendes Shitbürgertum, das sich nur um sich selbst dreht. 
Es gibt so viele Punkte in diesem Buch, die schlecht oder gar nicht belegt sind, so viele polemische Behauptungen, die ich gerne auf rationale Art und Weise entkräften würde. Alleine, gegen Irrationalität lässt sich nicht argumentieren. Poschardt fordert das Shitbürgertum zu einer Selbstreflexion und Selbstkorrektur auf, zu der er selbst, zumindest wirkt es in dem Buch so, absolut nicht in der Lage ist. Vorwurf reiht sich an Vorwurf, aber immer so vage, dass darin jede:r lesen kann, was ihm passt. Der Leserschaft einen Gedankenraum zu eröffnen, ist grundsätzlich eine großartige Fähigkeit von Schriftsteller: innen. Allerdings ist damit auch eine besondere Sorgsamkeitspflicht verbunden, vor allem, wenn man keinen Roman oder Erzählung schreibt, sondern versucht, ein Bild einer Gesellschaft einzufangen, wo man notgedrungen mit Realitäten und Fakten zu tun hat. Diese Sorgsamkeit fehlt von der ersten bis zur letzten Seite des Buches. 
Es wirkt so, als wäre Poschardts Buch Resultat eines Workshops für therapeutisches Schreiben, in dem er versucht seinen Weltschmerz zu verarbeiten. Und den kann ich gut nachvollziehen, weil ich seine Ausgangshypothese teile: Es läuft nicht rund in Europa und auf der Welt. Ich teile allerdings den Schluss, den er daraus zieht, absolut nicht, weil Schuldzuweisungen, noch dazu, wenn sie an eine namen- und gesichtslose Gruppe gerichtet sind, absolut nichts dazu beitragen, es besser zu machen. Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die sich offensichtlich viel mit dem Zeitgeschehen befassen und über eine gewisse Reichweite verfügen, sich darauf konzentrieren würden, Dinge besser zu machen, als sie gerade sind. Wenn sie Visionen entwickeln, wie es besser ist und das auch umsetzen, soweit es möglich ist. Die Welt wird dann ein besserer Ort, wenn viele Menschen sie dazu machen. Ein Buch, das oberlehrerhaft erklärt - übrigens ein Vorwurf, den Poschardt, dem Shitbürgertum, macht, ständig alle Menschen zu belehren - wer Schuld trägt, ist aus meiner Sicht verzichtbar.


Leseempfehlung?


Im Normalfall bin ich sehr spendabel mit Leseempfehlungen, weil ich in fast jedem Buch etwas finde, warum es sich lohnt es zu lesen. In diesem Fall fällt mir das sehr schwer. Wer auf eine polemische, angriffige, teils übergriffige Lektüre steht, für den lohnt es sich wahrscheinlich. 

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