Der letzte Sessellift
Ein Meister des Erzählens
Irving ist ein meisterhafter Erzähler, der mir bereits mit “Gottes Werk und Teufels Beitrag” begegnet ist. Und auch meine Reise mit “Der letzte Sessellift” begann schon lange bevor ich begonnen habe, das Buch zu lesen. Schon vor Monaten hatte ich das Buch, in der Buchhandlung meines Vertrauens, ein erstes Mal in der Hand und konnte mich nicht dazu durchringen, es zu kaufen. Einerseits war es der Umfang, der mich hat zögern lassen, andererseits war es, was ich auf dem Klappentext gelesen habe. Die Geschichte wirkte auf mich nicht besonders beeindruckend, jedenfalls nicht so beeindruckend, dass die Länge für mich gerechtfertigt gewesen wäre. In den Weihnachtsfeiertagen war ich allerdings auf Familienurlaub in Salzburg und hatte Zeit und irgendwie hat es sich richtig angefühlt, die Zeit für dieses Buch zu nutzen. Und das habe ich auch getan und weitere 4 Wochen danach. Dieses Buch zu lesen ist nicht einfach Lektüre, es ist ein Projekt. Nachdem ich es gelesen habe, müsste ich eigentlich nochmal von vorne anfangen, um wirklich in die Tiefe einzusteigen und alle Andeutungen und Verweise überhaupt mitzubekommen und damit zu beginnen, sie annähernd zu verstehen. Was ich allerdings nicht tun werde, zumindest jetzt nicht.
Eine Familiengeschichte: vom Zweiten Weltkrieg bis heute
Die Geschichte, wie ich schon angedeutet habe, klingt nicht besonders aufregend. Wir begleiten mit Irving seinen Hauptprotagonisten Adam durch sein Leben. Wir lernen seine Familie kennen, genau wie Freude, Freundinnen, Bekannte, oder temporäre Lebensbegleiter. Die wichtigsten Menschen, die uns durch große Teile des Buches begleiten, sind seine Mutter, die Lebensgefährtin der Mutter, der transsexuelle Mann der Mutter, seine lesbische Cousine mit ihrer Freundin, sowie seine Frau. Der zeitliche Rahmen reicht von der Geburt Adams, im Jahr 1941, bis in die jüngste Vergangenheit, etwa 2020. Schon auf den ersten Blick wird klar, Adams Familie ist besonders, klassische Rollenbilder sucht man eher vergeblich auf den beinahe 1100 Seiten. Wir begleiten Adam durch die sich verändernden Umstände eines Amerikas, das sich öffnet und wieder verschließt, dass nach Liberalität strebt, um dann wieder ganz wertkonservativ zu werden - was auch immer das ganz genau bedeutet.
Irving zeigt, wie sich die Welt im Laufe dieser beinahe 80 Jahre verändert und was das mit den Menschen macht, die in dieser Zeit leben. Zwar entwickelt er keine idealtypische Gesellschaft, aber er zeigt sehr genau auf, wo für ihn die roten Linien sind - egal ob sie nun von der Reagan Administration oder der Trump Administration gezeichnet werden. Der Blick in die Vergangenheit zeigt auch, dass nichts immer schon so war und vor allem, dass nichts so bleiben muss. Weder sind einmal errungene Freiheiten auf ewig gesichert, noch kann eine verlorene Freiheit nicht wieder gewonnen werden. So vieles in dem Buch lädt dazu ein, sich tiefer damit zu beschäftigen, so vieles bleibt letztlich in der Verantwortung des Lesers - wie im echten Leben, sind am Ende wir verantwortlich für unser Leben.
Leseempfehlung
Ich war sehr froh als ich das Buch zugeklappt habe, es war anstrengend das ganze Werk in einem Zug zu lesen, aber anders hätte ich es nicht geschafft. Je mehr ich über das Geschriebene nachgedacht habe, desto mehr hat mich das Buch in seinen Bann gezogen. Je mehr ich mich einlassen konnte, desto intensiver war das Erlebnis. Wer Zeit hat und Langmut in sich trägt sollte dieses Buch jedenfalls lesen, wer nicht sollte sich Zeit nehmen und sich in Langmut üben - vielleicht mit diesem Buch.

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