Am Ende
von: Jean-Remy von Matt
gelesen und rezensiert: Oktober 2025
Wer auch immer mit Werbung zu tun hat - also nicht nur in der passiven, konsumierenden Rolle - kennt Jean-Remy von Matt. Seine Agentur, die er gemeinsam mit seinem Partner Holger Jung gegründet hat, ist Legende: Jung von Matt. In den vergangenen 30 Jahren hat diese Agentur die Werbebranche auf eine Art und Weise geprägt, die für den DACH-Raum einzigartig ist. Das war für mich der Anlass, einen Blick in das neueste Buch von Jean-Remy von Matt zu werfen, mit dem etwas traurigen Titel “Am Ende”.
Erzählungen aus dem Leben eines Werbers
“Am Ende” ist keine Autobiografie, kein Roman, keine Novelle, sondern vielmehr eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die aus dem Leben und Wirken von JRvM erzählen. Und es wäre kein Buch von ihm, wenn es keinen kreativen Zugang wählen würde. Dafür ist es wichtig zuerst einen Leitgedanken des Buches vorzustellen: Lege es weg, wenn es dir nichts mehr bringt. Da ich JRvM nicht kenne, möchte ich ihm nichts in den Mund legen, was er so nicht gesagt hat, aber für mich wirkt es so, als sei das auch für sein Leben sehr prägend gewesen, verfolge Dinge so lange sie dir etwas geben, dann lass es gut sein. Aber zurück zum kreativen Twist des Buches. Die Kapitel sind nicht chronologisch, biografisch oder thematisch angeordnet, sondern auf Basis einer Jury-Wertung, die besten zuerst, die schlechtesten am Schluss. Darum auch in der Einleitung: “Das ist das erste Buch, das von der ersten Seite an schlechter wird”. Kann man machen.
Inhaltlich streift JRvM eine ganze Reihe von Themen, vieles bezieht sich auf Kreativität und Kreativwirtschaft. Er wirft Schlaglichter auf sein Leben, erzählt ein bisschen aus seiner Kindheit, vor allem von seiner Mutter und seinem Lebensweg, spricht über die prägenden Erfahrungen, die er als Mitarbeiter und später als Eigentümer einer Werbeagentur gemacht hat. Er spricht über den Arbeitswahn, der ihn und seine Agentur über Jahre getrieben hat und ergeht sich in dem einen oder anderen philosophischen Gedanken. Das macht einige der Geschichten recht witzig und unterhaltsam, andere ein bisschen getragener - wenn er sich beispielsweise fragt, ob die kreativen Ressourcen eines jeden Menschen beschränkt sind, teils sogar melancholisch, etwa wenn er darüber schreibt, dass der Mensch seinen kreativen Höhepunkt mit 37 erreicht - ein Zenit, den er lange überschritten hat. Und vor allem spricht er davon, dass Kreativität Mut braucht. Mut auf zwei Seiten, einerseits der Kreative selbst, der naiv und entgrenzt sein muss und andererseits der Empfänger der Botschaft, der sich darauf einlassen muss. Meine Interpretation: Es gibt immer weniger kreative Menschen, weil es sich die Menschen eher im System bequem machen, und es gibt immer weniger kreative Werke, die das Licht der Öffentlichkeit erreichen (nicht nur im Fall von Werbung), weil der Mut fehlt, sie dem Publikum zuzumuten.
Es ist nicht Sixt.
Ich fand das Buch ganz ok, nicht mehr und nicht weniger. Der Stil ist klarerweise hervorragend, was soll auch anderes passieren, wenn einer der profiliertesten Texter ein Buch schreibt. Aber ich mochte die Idee mit der Kapitelanordnung gar nicht. Letztlich entscheidet nicht der Autor oder eine x-beliebige Jury (wie wohlklingende Namen auch immer darin enthalten sein mögen) welcher Teil eines Buches der Beste ist, sondern der Leser. Deswegen lesen Menschen, weil sie sich selbst ein Bild machen wollen und sich selbst ein Urteil bilden wollen. Darum muss ich JRvM auch hinsichtlich der Kreativität widersprechen - nicht jede Idee, die als kreativ bezeichnet wird, ist deswegen automatisch gut und scheitert an Menschen, die das nicht erkennen können. Manchmal ist einfach die Idee schlecht. Keine Aufforderung, das Buch wegzulegen, aber auch keine es unbedingt sofort zu lesen.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen