Durch welche Wand soll ich treten?

Ein Blick in die fernöstliche Denktradition


von: Kai Marchal
gelesen und rezensiert: Juni bis Juli 2025




Ich wurde auf Kai Marchal durch die SRF Sendung „Sternstunden Philosophie“ aufmerksam. Es war ein angenehmes, erhellendes und irgendwie beruhigendes Gespräch, das er mit Barbara Bleisch geführt hat. Er erzählt aus seinem Leben, wie es ihn nach Taiwan geführt hat und wie sich sein Denken im direkten Kontakt mit fernöstlicher Weisheit verändert hat. In einem kurzen Exkurs spricht er über das Buch der Wandlungen und wie mittels 64 Hexagrammen orakelt werden kann.


Werden, wer ich (nicht) bin. 

Nicht erst seit ich mich dazu entschlossen habe, eine Ausbildung zum Achtsamkeits- und Resilienztrainer zu absolvieren, habe ich eine Nähe zur fernöstlichen Weisheitstradition; sie begleitet mich schon sehr viel länger. Ich habe mich ihr durch Bücher von Thich Nhat Hanh und Werke des Dalai Lama langsam angenähert und war immer fasziniert von dem, was ich da las. Es erschien mir also nur folgerichtig, auch das Buch von Kai Marchal „Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist“ zu lesen.

Das Buch ist eine Reise für den, der es liest, und es war eine Reise für den Autor, als er es geschrieben hat – zumindest fühlt es sich für mich so an. Marchal nähert sich der fernöstlichen Weisheitstradition auf zwei Ebenen an: einerseits der wissenschaftlichen, intellektuellen Ebene und andererseits über eine sehr persönliche, autobiografische. Wir erfahren viel von ihm als Mensch und sein Suchen nach etwas, das bleibt, das Bestand hat über ihn hinaus, an dem er sich festhalten kann. Dieses Suchen ist kennzeichnend für das Werk. Wir streifen während des Lesens drei sehr wichtige fernöstliche Denkgebäude: den Daoismus, den Konfuzianismus und den Buddhismus, allerdings weniger, indem wir die großen Unterschiede zwischen ihnen selbst und den Abstand zur westlichen Denktradition, grundgelegt durch die griechische Philosophie, vermessen. Vielmehr versucht uns Marchal einen Einblick darin zu vermitteln, wie überhaupt gedacht werden kann und dass es nicht nur den westlich-rational-logischen Zugang gibt, der dabei helfen kann, die Welt zu verstehen. Denn darum geht es in der Philosophie ganz basal – wie funktioniert die Welt und welche Rolle spielt der Mensch darin?

In einer Tour de Force durch Jahrhunderte des fernöstlichen Denkens, das wir entlang seiner eigenen Biografie schlaglichtartig beleuchten, zeigt er, wie dieses Denken funktioniert. Nämlich im Wesentlichen nicht, indem es Sachverhalte klar und logisch ordnet und definitive Aussagen macht, sondern indem es ganzheitlich betrachtet und wirken lässt. Besondere Bedeutung misst er der Sprache bei, vor allem wenn es um Übersetzungen geht. Wenn westliche Autoren fernöstliche Schriften übersetzen, dann tun sie es mit einer rational-logischen Brille, was dazu führt, dass den fernöstlichen Denkrichtungen lange eine gewisse Banalität zugeordnet wurde, weil sie eben nicht denselben Fokus haben wie die westlichen philosophischen Schulen. Wer das Buch liest, der versteht, dass philosophisches Denken im fernöstlichen Raum ein Wirkungsdenken ist, sehr pragmatisch dem Leben folgend, weit weniger abstrakt und weit weniger trennend, als wir es gewohnt sind. Die Schriften müssen wirken, im Geist und im Leben des Lesenden.


Leseempfehlung

Und so muss auch Marchals Buch wirken. Wer nur klare Fakten haben will wie, wer hat wann was geschrieben und wie ist das zu verstehen, der wird mit dem Buch nicht glücklich sein. Es braucht Zeit und wahrscheinlich muss man es wie die fernöstlichen Klassiker mehrfach lesen, um zu sehen, welche Seiten es jeweils in einem selbst zum Schwingen bringt.


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