Lazar
von: Nelio Biedermann
gelesen und rezensiert: Dezember 2025
Selten war der Hype, um ein Buch, das ich lese, größer als bei diesem - vielleicht noch am ehesten bei Caroline Wahls “Die Assistentin”. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen, vielleicht einfach daran, dass es Neuerscheinungen sind und der umkämpfte Literaturmarkt um sie besonders viel Lärm macht. Ob der Hype gerechtfertigt ist, also ob ich ihn für gerechtfertigt halte, sage ich euch zum Schluss.
Familiengeschichte
In “Lazar” begleiten wir eine ungarische Adelsfamilie durch große Teile des von Krieg und Wirren gekennzeichneten 20. Jahrhunderts. Und was noch vor dem Lesen auffällt, ist, dass das Buch gar nicht so aussieht wie eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen zieht, weil es nämlich kein unermesslicher Ziegel von einem Buch ist. Biedermann erzählt die Geschichte äußerst kompakt. Es geht ihm von Anfang an nicht darum, eine umfassende Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen, noch nicht einmal darum eine umfassende Geschichte der Familie Lazar. Es geht ihm um Episoden aus den Leben der Protagonisten. Der Rest liegt bei der Leserin und dem Leser. Was sie daraus machen, bleibt ihre Sache.
So schaffen es Buch und Autor uns durch 50 bewegte Jahre zu führen, ohne dabei langatmig zu werden, aber gleich wichtig auch ohne Hetze. Wie in einem Museum betrachten wir einzelne Ausschnitte, gleichsam Bilder, der Leben der Protagonisten, die ausreichend sind, um ein Verständnis für die “ganze” Geschichte zu bekommen. Oder anders gesagt, ausreichend Material bieten, um im Kopf der Leserschaft eine Geschichte entstehen zu lassen.
Was mir beim Lesen des Buches Spaß gemacht hat, war, dass es Freude und Leid nicht genau dort angesiedelt waren, wo es die historischen Leitlinien erwarten lassen. Das verleiht der Fiktion eine gewisse Authentizität oder hat bei mir jedenfalls das Gefühl erzeugt, die Geschichte könnte wahr sein.
Leseempfehlung
Eine gewisse Neigung für Familiensagas sollte man mitbringen, auch wenn das Buch im überschaubaren Rahmen bleibt. Ein gewisses Interesse an der Zeitgeschichte schadet sicherlich auch nicht, weil es beim Einordnen der Ereignisse hilft. Mir hat es richtig gut gefallen, weil ich den Tempowechseln viel abgewinnen konnte und auch die skizzenhafte Charakterzeichnung sehr mag. Bleibt noch eine Frage, ist der Hype gerechtfertigt? Ich empfehle das Buch zu lesen und sich selbst eine Meinung zu bilden.

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