Über Menschen
von: Juli Zeh
gelesen und rezensiert: April 2025
Geschichten einer Zeit.
Was für ein großartiges Buch ist das denn? Ich bin ja nicht so der Typ, der mit der Tür ins Haus fällt, aber in dem Fall kann ich nicht anders. Ich bin tief berührt auf eine Art und Weise, wie es mir bei einem Buch sehr lange nicht mehr passiert ist.
Am Land ist alles schöner?
Die Geschichte ist, ohne das in irgendeiner Form angriffig zu meinen, recht banal. Dora beschließt, aus einer dysfunktionalen Beziehung auszubrechen und zieht in ein Haus, dass sie sich gerade so kaufen konnte, nach Brandenburg. Ausschlaggebend für das Beziehungsende, wenn auch nicht entscheidend, war Corona, das in so vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen, auf Makro- wie auf Mikro-Ebene, als Brandbeschleuniger fungiert hat. Dora reicht es mit Robert, als er ihr anordnet, das Haus nicht mehr zu verlassen.
Aber schon davor hat Dora immer wieder Bläschen in sich aufsteigen gefühlt. Zehs Variante zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr in sein eigenes Leben passt, oder sich die Frage stellt, warum das eigene Leben eigentlich so ist, wie es ist. Sie streift in dieser Beschreibung viele Themen, vor allem Corona und den Klimawandel. Sie beschreibt Dora als eine Frau, die sich vor dem Extremen scheut und sich dagegen sträubt. Weil es sich nicht richtig anfühlt.
Am Land angekommen, stellt sich ihr Nachbar Goten bei Dora vor. Eher unfreundlich, weil er ihr droht Jochen der Rochen zu zertreten (ihren Hund) , sollte sich der nochmal im Kartoffelbeet zu schaffen machen und in dem er sagt, er sei der Dorf-Nazi. Und er ist ein Nazi mit ziemlicher Gewaltvergangenheit, wie wir im Laufe der Erzählung erfahren, war sogar im Knast. Die Frau ist weg, die Tochter Franzi lebt allerdings coronabedingt gerade bei ihm. Zwischen Dora und Gote entwickelt sich schnell eine sehr intensive Beziehung, die mehr oder weniger zustande kommt, weil eben beide gerade da sind. Dora hat bedenken, weil sie natürlich aus der linken Berliner Bubble kommt, aber am Ende ist sie alleine in Brandenburg, und die Bubble kann ihr gestohlen bleiben.
Gote hilft ihr und sie hilft ihm, als er eines Abends einen Autounfall hat. Im Zuge des Vorfalls stellt sich heraus, dass Gote an einem unheilbaren Gehirntumor leidet, an dem er sterben wird. Allerdings nimmt er sich vorher das Leben und Dora organisiert das Begräbnis. Und dann Ende. Das Leben geht einfach weiter, Gote war eine Episode, eine andere wird folgen, entscheidend für Dora ist, dass die Bläschen weniger sind. Was auch immer das ist, was sie gerade für ein Leben führt, es ist richtiger, als das, dass sie in Berlin geführt hat.
Leseempfehlung
Das Buch wurde vielfach gelobt - und absolut zu Recht, wie ich finde. Es berührt auf gleichsam einprägsame, aber unaufdringliche Weise, Fragen, die sich viele Menschen heute stellen. Was es aus meiner Sicht besonders macht, ist der fehlende erhobene moralische Zeigefinger. Zeh überlässt es jedem selbst, sich ein Bild zu machen und sich die aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

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