Das Museum der Unschuld

von: Orhan Pamuk
gelesen und rezensiert: September 2025





“Das Museum der Unschuld” ist das zweite Werk von Pamuk, an das ich mich heranwage und wie schon bei “Diese Fremdheit in mir”, habe ich auch zu diesem nur sehr schwer einen Zugang gefunden. In der Rezension zu “Diese Fremdheit in mir” habe ich davon geschrieben, dass es wichtig ist, sich auf das Buch einzulassen und sich davon mittragen zu lassen. Pamuk schreibt ausschweifend und teilweise sehr langatmig, weil er uns teilhaben lassen will, an der Stimmung und an so vielen Einzelheiten wie möglich. Als ich “Das Museum der Unschuld” zur Hand genommen habe, wusste ich also, worauf ich mich einlasse.

Eine unerfüllbare Liebe?

Wir sind im Istanbul der 1970er Jahre. Die Stadt schwankt zwischen Freiheitsliebe und religiösem Traditionalismus - auch 50 Jahre nach Atatürk. Das zeigt sich vor allem auch darin, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen noch sehr traditionell gelebt werden - wollen. Heißt nichts anderes als: Sex vor der Ehe ist ein Tabu. Kemal ist mit Sibel verlobt (sie haben Sex, weil sie ja verlobt sind und es auf eine Ehe hinauslaufen wird). Dann trifft Kemal auf Füsun und verliebt sich Hals über Kopf in sie und sie haben eine ganze Menge Sex auch ganz ohne Verlobung. Das Liebesintermezzo endet kurz nach der Verlobungsfeier von Kemal und Sibel. Kemal gesteht Sibel, was passiert ist und ein Jahr lang versuchen sie wieder zueinander zu finden. Doch Kemal hängt immer noch an Füsun und kehrt immer wieder an den Ort zurück, an dem sie einander so nahe waren - eine Wohnung, die eigentlich Kemals Mutter gehört, aber nicht bewohnt wird. Schließlich bricht Sibel mit Kemal und heiratet später einen seiner besten Freunde. Kemal vergeht derweil vor Liebeskummer und beginnt in der genannten Wohnung sein Museum der Unschuld aufzubauen. Nach gut einem Jahr trifft er Füsun wieder und es beginnt der eigenartige Teil der Handlung. Füsun ist inzwischen verheiratet, doch sie wohnt noch bei ihren Eltern und für acht Jahre geht Kemal mehrmals die Woche zu Füsun und ihren Eltern - immer noch voller Hoffnung eines Tages doch ihr Mann zu werden. Und bei fast jedem Besuch nimmt er etwas mit, das mit Füsun in Berührung gekommen ist, im buchstäblichen Sinne. Stücke für sein Museum. Nach Jahren endlich lässt sich Füsun scheiden und Kemal und sie bekommen eine zweite Chance. Die dauert allerdings nur einen Augenblick, denn dann stirbt Füsun durch einen selbstverschuldeten Autounfall. 

Portrait einer Zeit

“Das Museum der Unschuld” ist ein Portrait seiner Zeit, das selbst gut in ein Museum der Zeitgeschichte der Türkei im Allgemeinen und von Istanbul im Speziellen passt. Es ist ein Buch, das Zeit und Hingabe erfordert. Wer schnell vorankommen will, was auch immer das bei einem literarischen Werk bedeuten soll, der wird mit diesem Werk keine Freude haben. Ich hatte sie zumindest stellenweise. Ich mag es, wie sich Pamuk in Details und Einzelheiten verlieren kann, weil auch das Leben so ist, was es ausmacht , Kleinigkeiten. Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich zwischenzeitlich stark in Versuchung war querzulesen, weil ich mir dachte ich komme auch ohne die eine oder andere Kleinigkeit aus. 

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