Angststillstand
von: Richard David Precht
gelesen und rezensiert: Oktober / November 2025
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Ein neuer Essay in Buchform von Richard David Precht. Ähnlich wie “Das Jahrhundert der Toleranz” greift es ein Thema auf, das dem Autor augenscheinlich sehr am Herzen liegt. Diesmal geht es um die Meinungsfreiheit und die Frage, ob sie nach wie vor in dem Ausmaß vorhanden ist, wie sie eine liberale Demokratie, die auf einer deliberativen Öffentlichkeit basiert, braucht. Er schließt damit, zumindest fühlt es sich für mich so an, an das Buch “Die 4. Gewalt” an, das er mit Harald Welzer gemeinsam gemacht hat und für das er teils hart kritisiert wurde. Diesmal spannt er den Bogen allerdings noch ein bisschen weiter. Ging es in “Die 4. Gewalt” hauptsächlich um die Medienwirtschaft, so ist jetzt die Meinungsfreiheit ganz allgemein im Fokus. Und ich kann mein Urteil vorwegnehmen: Ich finde, es ist ein gutes Buch, zu einem guten Zeitpunkt.
Meinungsfreiheit - alles beim Alten?
An der gesetzlichen Grundlegung der Meinungsfreiheit und damit gleichsam ihren Grenzen hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig verändert. Und doch geben nur noch 41 Prozent der Deutschen in einer jährlich vom Allensbach-Institut durchgeführten Umfrage an, dass sie das Gefühl haben, ihre Meinung frei äußern zu können, ohne vorsichtig sein zu müssen. Wurde Precht und Welzer in “Die 4. Gewalt” noch vorgeworfen zu wenig auf Studien einzugehen und nicht wissenschaftlichen Kriterien entsprechend zu arbeiten, wurde ihm jetzt der Vorwurf gemacht, das Allensbach-Institut sei keine valide Quelle und die Fragestellung in der Umfrage sei ebenfalls wenig zielführend. Sei es drum. Was Precht sagen möchte, zumindest lese ich ihn so ist Folgendes: 1. Es hat sich an den grundlegenden rechtlichen Rahmenbedingungen, was die Meinungsfreiheit betrifft, in den vergangenen Jahren wenig verändert. 2. Die Menschen trauen sich trotzdem immer weniger ihre Meinung frei zu äußern. Und das nicht, weil sie eine Meinung vertreten, die außerhalb des rechtlich definierten Rahmens liegt, sondern aus anderen Gründen.
Andere Gründe.
Und genau diesen anderen Gründen widmet sich Precht in seinem Buch. Er vertritt die These, wiederum so lese ich ihn, dass sich der Meinungskorridor verengt, weil die Sensibilisierung der Gesellschaft einerseits und der Fokus auf das Ich, in einer Welt der Singularitäten (vgl. Flaßpöhler und Reckwitz), dazu führt, dass vieles nicht mehr tolerabel ist, weil es Menschen verletzt oder verletzen kann. Was wiederum eine heftige Gegenreaktion auslöst, von den Menschen, die sich verletzt fühlen. Precht nennt das gestiegene soziale Kosten für Meinungsäußerungen. Ganz kurz und knapp - ich sage etwas, verletze damit - unbedacht und ungewollt - die Gefühle eines anderen und werde deshalb mit einer heftigen Gegenreaktion konfrontiert (teils unverhältnismäßig). Und weil ich das vermeiden möchte, verzichte ich auf meine Äußerung.
Ist das so schlimm?
Ja, ist es. Demokratien basieren darauf, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sein dürfen. Der gesamte politische Wettkampf basiert darauf, dass es unterschiedliche Weltanschauungen gibt. Die Grenze des Sagbaren ist einzig und alleine das Strafrecht. Die immer geringer werdende Toleranz anderer Meinungen (immer aus guten Gründen natürlich)

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