Ein Blick in die Vergangenheit.
Der Nahe Osten zwischen Balfour Deklaration und der Staatsgründung Israels
von: Oren Kessler
gelesen und rezensiert: August 2025
Mehr Wissen, weniger meinen.
Der Nahost-Konflikt ist spätestens seit dem 7.10.2023 nahezu omnipräsent. So gut wie jeder hat eine Meinung dazu und ebenso sicher sind sich viele darin, wer denn nun Schuld daran trägt, dass es so ist, wie es nun einmal leider ist. Ich halte das für sehr gefährlich. Nicht jeder soll oder muss gar eine Meinung zu einem so komplexen Thema haben, besonders nicht, wenn diese Meinung nicht auf wirklich soliden Fakten basiert. Und das tut sie seltener, als mir lieb ist. Österreich und Deutschland nehmen aufgrund ihrer Vergangenheit eine besondere Rolle ein - keine, auf die wir stolz sein können. Gerade für uns ist es daher umso wichtiger, sehr sensibel mit Äußerungen zu diesem Themenkomplex umzugehen, und gerade für uns ist es wichtig, dass wir uns sehr intensiv damit befassen, bevor wir etwas sagen.
Ein fundierter Blick in eine fast vergessene Zeit
Und das tun wir leider viel zu selten. Das kann ich sagen, nachdem ich das Buch von Kessler gelesen habe. Mein Wissen über den Nahost-Konflikt reicht allenfalls ins Jahr 1948 zurück und ist stark davon geprägt, dass die Israelis nach dem 2. Weltkrieg und den ungeheuerlichen Verbrechen, die an ihnen verübt wurden, das Recht auf eine Heimat in Israel haben. Schlagworte wie die Balfour-Deklaration sind mir zwar bekannt, aber was es damit auf sich hat, hätte ich vor der Lektüre dieses Buches nicht gewusst.
Kessler geht einen Schritt weiter zurück. Er widmet sich der Geschichte Palästinas in der Zeit zwischen der Balfour-Deklaration und der einseitigen Staatsgründung Israels im Jahr 1948. Er zeigt entlang der Geschichte einiger wichtiger Akteure auf beiden Seiten, was sich in diesen Jahrzehnten zugetragen hat, welche Wünsche beide Seiten hegten und warum eine Verständigung schon damals kaum mehr möglich war. Und er wirft einen Blick auf die Mandatsmacht Großbritannien und welche historischen Entscheidungen möglicherweise dazu beigetragen haben, diesen Konflikt aufkommen zu lassen, dessen Folgen wir noch heute beinahe täglich in den Nachrichten sehen.
Es ist kein einfaches Buch, weil es kein einfaches Thema ist. Aber es beleuchtet auf unvoreingenommene Weise die beiden Konfliktparteien und die Rolle der Mandatsmacht. Kessler zeigt, dass es wichtig ist, sich auch mit der Zeit vor 1948 zu beschäftigen und vor allem zeigt er, welche Lösungen schon damals besprochen und diskutiert wurden. Manche davon sind heute in sehr weite Ferne gerückt, wären damals aber durchaus machbar gewesen.
Leseempfehlung
Wer das Buch gelesen hat, kann definitiv fundierter über den Konflikt im Nahen Osten sprechen, was aber noch lange keine Einladung ist, dies auch tatsächlich auch zu tun. Es ist ein Konflikt, der vermutlich eher durch weniger Wortmeldungen von Außenstehenden gelöst wird, als durch mehr.

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