Wie viel Geschichte verträgt die Gegenwart?
Dunkelblum. Ein Blick in den Schatten.
von: Eva Menasse
gelesen und rezensiert: Mai 2025
Es muss doch irgendwann mal Schluss sein mit diesen alten Geschichten. Es muss doch irgendwann Vergangenheit Vergangenheit sein dürfen. Es muss doch irgendwann genug sein mit dieser ewigen Fragerei und der Suche nach den Schuldigen. Es hat doch niemand mehr etwas davon, wenn die Geschichten von vor 50 Jahren aufgewärmt werden. Das hört man vielerorts und vielermenschs. Vor allem dort, wenn in der eigenen Vergangenheit etwas schlummert, von dem ganz klar ist, richtig war das damals nicht. Solche Geschichten gibt es überall auf der Welt, manchmal sind es Kleinigkeiten, manchmal große Verbrechen. Der Wunsch nach vorne zu blicken ist nur allzu verständlich - die Geschichte darüber zu vergessen, das Unrecht, das anderen Menschen widerfahren ist und die Schuld unter den Teppich der Zeit zu kehren, das ist aber nur bedingt richtig.
Blick in den Schatten
In Dunkelblum wirft Eva Menasse einen literarischen Blick auf ein furchtbares historisches Ereignis. In den letzten Kriegstagen des 2. Weltkriegs lassen sich an vielen Orten des 3. Reiches, das nur kurz vor seinem Zusammenbruch steht, zu unglaublichen Gewalttaten hinreißen. Die Wut über die bevorstehende absolute Niederlage wird an den Schutzlosesten und Verfolgten des Systems gnadenlos ausgelassen. Tausende Menschen verlieren in einem letzten Blutrausch der Nazi-Diktatur ihr Leben. So auch in Rechnitz. Die Besonderheit an diesem Ort ist, dass die Opfer bis heute nicht gefunden sind. Selbst die ewige letzte Ruhe wird diesen armen Seelen bis heute verwehrt. Unmittelbar nach dem Krieg kam es zwar zu Untersuchungen und sogar zu Prozessen, in denen letztlich - wie so oft - die kleinsten Lichter zur Verantwortung gezogen und inhaftiert wurden. Konkret ein paar Hitlerjugend, die sicher beteiligt, aber nicht verantwortlich für das Massaker waren.
Den konkreten historischen Kern bettet Menasse ein in eine Erzählung über ein ganz gewöhnliches Dorf, mit ganz gewöhnlichen Menschen. Alle mit ihren ganz persönlichen Geschichten und alle mit ihren Schwierigkeiten ein “normales” Leben zu führen - was vor allem im Angesicht von Kriegswirren und nach dem Ende des Krieges unvorstellbar viel schwerer war als heute. Einige Figuren sind sympathisch, andere absolut nicht, manche Ansichten sind einem nahe, manche ganz fern. Aber verstehen kann man sie irgendwie alle. Und genau das macht dieses Buch aus, es widmet sich der schwierigen Frage, wie viel Vergangenheitsbewältigung braucht es, worüber kann geschwiegen werden und worüber eben nicht. Es wäre ein Leichtes sich als Autorin mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger hinzustellen und einen Vortrag über gesinnungsethische Prinzipien zu halten und all die Schweigenden direkt oder indirekt an den Pranger zu stellen. Genau das macht Menasse nicht. Sie zeigt Menschen, die Gutes und Schlechtes tun oder getan haben. Die Einschätzung - bewusst nicht das Urteil - dieser Menschen überlässt sie allerdings dem Lesenden. In moralischen und ethischen Fragen gibt es selten klare, eindeutige und zeitlose Antworten, auch wenn der Wunsch danach groß ist.
Leseempfehlung
Sich an dieses Thema heranzuwagen ist schon eine Leistung, es auf diese Art und Weise zu tun, kann gar nicht überschätzt werden. Ich mochte Sprache und Erzähltempo, Perspektivenwechsel und die Verbindung der unterschiedlichen Erzählstränge sehr, weil sie für eine Dynamik sorgen, die das schwere Thema leichter verarbeitbar macht. Für mich eine klare Empfehlung - auch 80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, vielleicht besonders gerade jetzt.

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