Die Einladung


von: Emma Cline gelesen 2023, rezensiert 2024


Alex ist eine klassische Anti-Heldin. Sie kommt aus der amerikanischen Provinz, ist gerade mal ein Teenager mit vielleicht 18 Jahren. Angezogen von Licht und Glamour und dem Wunsch nach einem besseren Leben geht sie in die Stadt. Wir wissen nicht genau welche, wir wissen auch nicht genau, wo sie dann den Sommer verbringt, um den es im Buch geht - zumindest schreibt Cline es nicht dezidiert. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass es sich um New York und die Hamptons handelt. Jedenfalls geht Alex in die Stadt, aber ihr Weg ist nicht der, den viele im Kopf haben - ein junger Mensch, der zum Studieren in die Stadt geht, um sich im Leben zu verbessern. Nein, sie gerät, man würde wohl sagen, auf die schiefe Bahn. Sie lässt sich gegen Geld auf Männer ein und gerät, wie es wohl unvermeidlich ist, an einen, für den psychische und physische Gewalt keine Fremdworte sind. Erschwerend kommt hinzu, dass sie ihn um Geld und Drogen erleichtert. In einer Art Fügung des Schicksals trifft sie ihren vermeintlichen Ritter. In ihm sieht sie den Ausweg aus ihrer eigentlich ausweglosen Lage. Als der ihr dann auch noch anbietet, den Sommer mit ihm in seinem Strandhaus zu verbringen, wähnt sich Alex in einem anderen Leben. Alles geht eine Zeit lang gut. Bis der Ritter sie wegen einer Kleinigkeit aus dem heiteren Königreich verbannt. Er würde sich zu gegebener Zeit wieder bei ihr melden. Alex ist vor den Kopf gestoßen und beginnt, sich einen Plan zurechtzulegen. Der Ritter, Simon, plant zu Labour-Day eine Party. Bis dahin - zum Zeitpunkt ihre Rauswurfs aus dem Königreich - sind es noch 6 Tage. Alex träumt sich die Welt zurecht und geht davon aus, dass Simon sie wieder aufnehmen würde, wenn sie auf der Party auftaucht, das heißt, sie muss nur die 6 Tage bis dahin überstehen.

Um diese 6 Tage dreht sich dann auch der Hauptteil des Buches und die Erkenntnisse, die ich eingangs kurz zusammengefasst habe, erreichen die Leserschaft im Laufe der Erzählung. Alex ist eine Überlebenskünstlerin. Mit Tricks und Kniffen schafft sie es, wenn auch mehr schlecht als recht, für die Tage unterzukommen. Ihr Wahn, wieder zu Simon zurückzukehren, wird immer spürbarer und auch ihre Verzweiflung, dem alten Leben zu entkommen. Sie trifft in diesen 6 Tagen allerdings eine Reihe schlechter Entscheidungen, die ihre Lage - über das kurzfristige hinaus - verschlimmern und nicht verbessern. Sie setzt alles auf die Katharsis mit Simon. Ein, wie ich finde zutiefst menschlicher Zug, im Angesicht der drohenden Katastrophe einen Tunnelblick zu bekommen, verbunden mit der Hoffnung auf die eine Lösung, egal wie unrealistisch, die auch sein mag.

Ich mochte das Buch und habe mit jeder Seite mehr auf das Drama des letzten Aktes hingefiebert. Und genau der war es dann, der mich ein wenig enttäuscht hat. Die Geschichte wird unklarer und schemenhafter. Es gibt zwar ein Ende - also kein Cliffhanger - aber das bleibt für mich hinter den Erwartungen, die ich über die Seiten davor aufgebaut habe. Insgesamt kein schlechtes Buch. Ein bisschen Psychogramm, ein bisschen Milieustudie, ein bisschen Mitleid mit der Anti-Heldin und der Wunsch, ihre wahnhafte Hoffnung möge eintreten und sie Erlösung finden. Der Wunsch, wissen zu wollen, was hinter der nächsten erzählerischen Biegung auftaucht, hat mich das Buch schneller lesen lassen, als es der Inhalt eigentlich hergibt. Also lesenswert, für jeden, der einen Zeitvertreib sucht. 


 

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