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Es werden Posts vom September, 2025 angezeigt.

Über Menschen

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von: Juli Zeh gelesen und rezensiert: April 2025 Geschichten einer Zeit. Was für ein großartiges Buch ist das denn? Ich bin ja nicht so der Typ, der mit der Tür ins Haus fällt, aber in dem Fall kann ich nicht anders. Ich bin tief berührt auf eine Art und Weise, wie es mir bei einem Buch sehr lange nicht mehr passiert ist. Am Land ist alles schöner? Die Geschichte ist, ohne das in irgendeiner Form angriffig zu meinen, recht banal. Dora beschließt, aus einer dysfunktionalen Beziehung auszubrechen und zieht in ein Haus, dass sie sich gerade so kaufen konnte, nach Brandenburg. Ausschlaggebend für das Beziehungsende, wenn auch nicht entscheidend, war Corona, das in so vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen, auf Makro- wie auf Mikro-Ebene, als Brandbeschleuniger fungiert hat. Dora reicht es mit Robert, als er ihr anordnet, das Haus nicht mehr zu verlassen.  Aber schon davor hat Dora immer wieder Bläschen in sich aufsteigen gefühlt. Zehs Variante zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wen...

Der letzte Sessellift

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von: John Irving gelesen und rezensiert: Jänner / Februar 2025 Ein Meister des Erzählens Irving ist ein meisterhafter Erzähler, der mir bereits mit “Gottes Werk und Teufels Beitrag” begegnet ist. Und auch meine Reise mit “Der letzte Sessellift” begann schon lange bevor ich begonnen habe, das Buch zu lesen. Schon vor Monaten hatte ich das Buch, in der Buchhandlung meines Vertrauens, ein erstes Mal in der Hand und konnte mich nicht dazu durchringen, es zu kaufen. Einerseits war es der Umfang, der mich hat zögern lassen, andererseits war es, was ich auf dem Klappentext gelesen habe. Die Geschichte wirkte auf mich nicht besonders beeindruckend, jedenfalls nicht so beeindruckend, dass die Länge für mich gerechtfertigt gewesen wäre. In den Weihnachtsfeiertagen war ich allerdings auf Familienurlaub in Salzburg und hatte Zeit und irgendwie hat es sich richtig angefühlt, die Zeit für dieses Buch zu nutzen. Und das habe ich auch getan und weitere 4 Wochen danach. Dieses Buch zu lesen ist nicht e...

Wie viel Geschichte verträgt die Gegenwart?

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 Dunkelblum. Ein Blick in den Schatten. von: Eva Menasse gelesen und rezensiert: Mai 2025 Es muss doch irgendwann mal Schluss sein mit diesen alten Geschichten. Es muss doch irgendwann Vergangenheit Vergangenheit sein dürfen. Es muss doch irgendwann genug sein mit dieser ewigen Fragerei und der Suche nach den Schuldigen. Es hat doch niemand mehr etwas davon, wenn die Geschichten von vor 50 Jahren aufgewärmt werden. Das hört man vielerorts und vielermenschs. Vor allem dort, wenn in der eigenen Vergangenheit etwas schlummert, von dem ganz klar ist, richtig war das damals nicht. Solche Geschichten gibt es überall auf der Welt, manchmal sind es Kleinigkeiten, manchmal große Verbrechen. Der Wunsch nach vorne zu blicken ist nur allzu verständlich - die Geschichte darüber zu vergessen, das Unrecht, das anderen Menschen widerfahren ist und die Schuld unter den Teppich der Zeit zu kehren, das ist aber nur bedingt richtig. Blick in den Schatten In Dunkelblum wirft Eva Menasse einen literaris...

Durch welche Wand soll ich treten?

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Ein Blick in die fernöstliche Denktradition von: Kai Marchal gelesen und rezensiert: Juni bis Juli 2025 Ich wurde auf Kai Marchal durch die SRF Sendung „Sternstunden Philosophie“ aufmerksam. Es war ein angenehmes, erhellendes und irgendwie beruhigendes Gespräch, das er mit Barbara Bleisch geführt hat. Er erzählt aus seinem Leben, wie es ihn nach Taiwan geführt hat und wie sich sein Denken im direkten Kontakt mit fernöstlicher Weisheit verändert hat. In einem kurzen Exkurs spricht er über das Buch der Wandlungen und wie mittels 64 Hexagrammen orakelt werden kann. Werden, wer ich (nicht) bin.  Nicht erst seit ich mich dazu entschlossen habe, eine Ausbildung zum Achtsamkeits- und Resilienztrainer zu absolvieren, habe ich eine Nähe zur fernöstlichen Weisheitstradition; sie begleitet mich schon sehr viel länger. Ich habe mich ihr durch Bücher von Thich Nhat Hanh und Werke des Dalai Lama langsam angenähert und war immer fasziniert von dem, was ich da las. Es erschien mir also nur folgeri...

Ein Blick in die Vergangenheit.

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  Der Nahe Osten zwischen Balfour Deklaration und der Staatsgründung Israels von: Oren Kessler gelesen und rezensiert: August 2025 Mehr Wissen, weniger meinen.  Der Nahost-Konflikt ist spätestens seit dem 7.10.2023 nahezu omnipräsent. So gut wie jeder hat eine Meinung dazu und ebenso sicher sind sich viele darin, wer denn nun Schuld daran trägt, dass es so ist, wie es nun einmal leider ist. Ich halte das für sehr gefährlich. Nicht jeder soll oder muss gar eine Meinung zu einem so komplexen Thema haben, besonders nicht, wenn diese Meinung nicht auf wirklich soliden Fakten basiert. Und das tut sie seltener, als mir lieb ist. Österreich und Deutschland nehmen aufgrund ihrer Vergangenheit eine besondere Rolle ein - keine, auf die wir stolz sein können. Gerade für uns ist es daher umso wichtiger, sehr sensibel mit Äußerungen zu diesem Themenkomplex umzugehen, und gerade für uns ist es wichtig, dass wir uns sehr intensiv damit befassen, bevor wir etwas sagen.  Ein fundierter Bl...

Moralspekatel

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Das Spektakel ist im Gange!  Autor: Philipp Hübl gelesen und rezensiert: Juni 2025 Wie ist das jetzt mit der Welt? Bin ich verrückt geworden oder sind es doch alle anderen - was natürlich für das eigene Selbstempfinden deutlich besser wäre? Die Antwort von Philip Hübl, die ich im zumindest so in den Mund legen möchte: es sind die anderen. Aber worum geht es überhaupt und wie komme ich dazu dem Autor das in den Mund zu legen? Philipp Hübl ist Philosoph und hat sich in seinem neuesten Werk "Moralspektakel" mit, wie könnte es anders sein, Moral auseinandergesetzt, aber auf eine wie ich finde kritische, praxisnahe und sehr gut in die Zeit passende Art und Weise. Was wir heute in den Medien und nicht zuletzt in den Sozialen Medien, erleben, das beschreibt er als Moralspektakel. Es geht nicht so sehr darum, dass es wirklich besser wird auf der Welt, sondern darum, dass alles so wirken wollen, als würden sie zu einer besseren Welt beitragen. Hübl liefert aber nicht nur diese steile ...

Shitbürgertum

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Hilfe, das Shitbürgertum...  Autor: Ulf Poschardt gelesen und rezensiert: August 2025 Die richtige Grundannahme, der falsche Weg? Es läuft nicht rund auf der Welt. Es läuft nicht rund in Europa und vor allem in Deutschland. Diese Annahme oder Feststellung - je nach persönlichem Geschmack - ist die Grundlage für das Büchlein von Ulf Poschardt. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, mit diesem Befund umzugehen. Man kann beispielsweise eine differenzierte Analyse vornehmen und sich ansehen, was denn genau nicht funktioniert und Gründe dafür aufzählen. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und anhand von konkreten Problemen konkrete Lösungen aufzeigen, um möglicherweise zu einem Fortschritt beizutragen. Oder man kann das tun, was Ulf Poschardt getan hat: einen Schuldigen suchen und finden. Die Überraschung darüber, wer denn nun der Schuldige ist, bleibt überschaubar - die Antwort findet sich schon im Titel. Schuld an der Misere ist das Shitbürgertum. Eine gesichtslose und namenlose...