Regen

von Ferdinand von Schirach


Gelesen und rezensiert: November 2023


Es ist eigentlich kein Buch, mehr ein Büchlein, kein Roman, mehr ein Essay. Ein Schriftsteller, der seit 17 Jahren nicht mehr geschrieben hat, wird zum Schöffen berufen. Er schreibt nicht mehr, so lese ich es jedenfalls, seit seine Frau plötzlich stirbt und das genau an dem Tag, an dem er sein erstes Werk frisch aus der Druckerei nach Hause bringt. Jetzt aber muss er schreiben und zwar eine Erklärung, ob er in dem Fall, mit dem er als Schöffe betraut ist, befangen ist. Dazu kommt es, weil er in der Einvernahme den Beschuldigten fragt, welche Strafe dieser für angemessen hält - eine Vorverurteilung - also muss er sich erklären.

Er geht in eine Bar und was ich kurz zusammengefasst habe, das erzählt der Protagonist dem Barkeeper - es ist mehr ein innerer Monolog mit einem Zuhörer. Die Story selbst ist dabei nicht das Ausschlaggebende, sondern die Gedanken, die im Monolog geäußert werden. Und darum möchte ich auch diese Rezension etwas anders gestalten. Ich werde einzelne Sätze, oder Gedanken, herausgreifen und mir dazu meine eigenen Gedanken  machen. Genauso werde ich es auch mit dem Interview halten, das ebenfalls im Büchlein enthalten ist und in dem sich Ferdinand von Schirach mit Sven Michaelsen unterhält. 



Regen: Seine Gedanken, meine Gedanken.


“Wenn man schreibt, ist man alleine. Etwas anderes ist gar nicht möglich. Das Schreiben ist kein demokratischer Prozess. Es ist das Gegenteil. Aber später gehören die Bücher nicht mehr dem, der sie geschrieben hat. Sie gehören jetzt dem, der sie liest.” (11)


Schreiben ist eine Sache zwischen Gehirn und Fingern - egal ob man nun mit Stift oder Tastatur schreibt. Es ist eine einsame Sache. Welche Worte am Ende stehen oder stehen bleiben, entscheidet nur der Autor selbst, niemand hat darauf Einfluss. Der Weg bis zum geschriebenen Wort kann einsam sein, muss er aber nicht. Gedanken formen sich nicht selten im Austausch mit anderen Menschen. Meine Welt und auch meine geschriebenen Worte, wären andere, wenn ich von der Welt isoliert bin. Was aber stehen bleibt, entscheide nur ich alleine.

Wenn es geschrieben steht, gehört es mir aber nicht mehr - zumindest nicht, wenn es jemand liest. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Auf der kleinen Wiese, mitten in der Stadt, gleich neben der Wohnung in der ich lebe, steht eine Blume. Sie blüht seit Tagen und strahlt selbst bei schlechtem Wetter und ich erfreue mich an ihr jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit. Diese zwei kurzen Sätze erzeugen beim Leser ein ganz anderes Bild, als ich es im Kopf habe. Ich denke an eine spezifische Wiese, Blume, Wetterlage oder Arbeit, der Leser auch, aber seine Vorstellung ist ganz und gar nicht ident mit meiner. Mein Werk wird sein Bild. Und das macht Literatur so groß, denn noch viel mehr als die Bücher, die geschrieben wurden, gibt es Bilder, die Menschen davon im Kopf haben. 



“Eine Demokratie ist zwangsläufig das Gegenteil von Mystik und Geheimnis. Sie muss es sein. Je besser sie für uns wird, desto mehr besteht sie aus Fragen, aus immer engeren, immer kleinteiligeren Fragen, aus hunderten und tausenden Kompromissen. Und vor allem aus einem: aus Ambivalenz. Das ist das Schlüsselwort unserer Zeit: Ambivalenz. Es ist heute nicht mehr möglich, etwas zu sagen, ohne sofort das Gesagte wieder in Frage zu stellen.” (30f)


Eine Demokratie ist das Gegenteil von Faktum per Dictum. Ein Beispiel: Wir reisen zurück in die Welt Karls des Großen, direkt zu ihm sogar. Wir stellen uns vor, wir sitzen in Aachen und hören Karl zu, als er sagt, es sei mehr Senf anzubauen. Hat er gemacht, wenn wir Geschichten aus der Geschichte Folge 418 “Das älteste Gewürz der Welt” glauben schenken. Karl hat das entschieden, weil er es für klug hielt und es wurde mehr Senf angebaut. Faktum per Dictum. Stellen wir uns jetzt vor, wir sitzen im österreichischen Parlament, die Debatte wird um nachhaltigere Landwirtschaft geführt. Ein Argument ist, mehr auf Gewürze zu setzen, die auch in unseren Breitengraden wachsen, und weniger auf den Import von Gewürzen aus anderen Teilen der Welt. Faktum per Dictum, unmöglich. Demokratien basieren auf Debatte, Debatte basiert auf Meinungsvielfalt, Meinungsvielfalt bedeutet Ambivalenz. Ziehen wir ein weniger surreales Beispiel heran. Gendern in der Sprache. Eines der intensivst diskutierten Themen im Jahr 2023. Äußerst ambivalent - aber gar nicht nur im Außen, sogar im Innen. Ich habe mir über das Thema sehr viele Gedanken gemacht - ob das sinnvoll ist, ist eine andere Geschichte - und ich bin mir nicht einig mit mir selbst. Die Ambivalenz ist in meinem Kopf. Denke ich das eine, kommt das andere auf und das immer wieder aufs Neue. 

Ist das schlecht? Wenn Ambivalenz bedeutet, dass es nichts Eindeutiges gibt und es daher die Abwägung von unterschiedlichen Aspekten braucht, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen, dann ja und nein. Kehren wir noch einmal kurz zu Karl zurück. Er musste Entscheidungen treffen, auf Basis von sehr viel weniger Wissen und sehr viel weniger Information als wir heute. Es gibt den berühmten Vergleich, dass der Kaiser von Österreich im Jahr 1914 weniger Informationen zur Verfügung hatte, um ein doch beträchtliches Reich zu regieren, als wir uns heute innerhalb weniger Sekunden ergoogeln können. Und nicht nur der Zugang zu Informationen ist heute deutlich einfacher und die Informationen zahlreicher, ähnliches gilt für Wissen - es steht uns heute in viel höherem Maße zur Verfügung. Das ermöglicht überhaupt erst eine Debatte und eine deliberative Öffentlichkeit. Allerdings sorgen mehr Informationen, mehr Wissen, mehr an der Entscheidung direkt oder indirekt beteiligte Personen, nicht automatisch für bessere Entscheidungen. Hier ist ein differenzierter Blick nötig. Entscheidungen, die auf Basis von Wissen getroffen werden können, sollten auch auf Basis von Wissen getroffen werden - mit der Gefahr, dass sich Wissen überholt und damit auch Entscheidungen angepasst werden müssen. Das betrifft mit Sicherheit eine Unmenge an Entscheidungen. Es gibt aber auch solche, wo Wissen weniger eine Rolle spielt als Überzeugung. Nehmen wir als Beispiel die Bildungspolitik eines Landes. Hier spielen Wissen und Informationen eine bedeutende Rolle. Aber eben auch Überzeugungen - also die Frage, was will ich mit Bildung überhaupt erreichen. Und die ist wissenschaftlich nicht zu beantworten, es gibt unterschiedliche Motive. Diese Motive sorgen für Ambivalenz und diese Ambivalenz sorgt dafür, dass sich in der Bildungspolitik wenig ändert, obwohl Wissen und Information - unabhängig von der Motivation - eine Änderung zwingend erforderlich machen würde. Also ja und nein. Ja, weil Diskussion und Abwägung wichtig sind, um bessere Entscheidungen zu treffen, nein, weil zu viel an Diskussion und Abwägung Veränderung verhindern kann. 



“Zu Hause ist ja kein Ort, es ist unsere Erinnerung.” (54)


Eine sehr schöne Beschreibung, wie ich finde. Zu Hause ist unsere Erinnerung und unsere Gefühle, die wir damit verbinden. Egal wo wir hingehen, können wir zu Hause sein, oder so sehr wir örtlich vermeintlich zu Hause sind, so weit können wir davon entfernt sein. 


Interview: Seine Gedanken, meine Gedanken.


“Ohne eine verletzende Urerfahrung, ohne die tiefe Erschütterung Ihrer Existenz, schreiben Sie entweder gar nicht oder nur über die Blumen auf der Wiese.” (75)


Ich muss bei diesem Satz an “Vincent” von Joey Goebel denken. Nur wer Leid erlebt hat, oder eben nur wessen Existenz eine tiefe Erschütterung erfahren hat, der kann wahrhaft Tiefsinniges schaffen. Ein bisschen erinnert es mich auch an Balzac, dessen Protagonisten ebenfalls oft leidende, hochbegabte Literaten sind. 

Ich stehe dem kritisch gegenüber. Denn stringent zu Ende gedacht würde das bedeuten, Menschen, denen im Leben nichts Schlimmes widerfahren ist, haben nichts zu sagen, oder zumindest keinen Grund etwas zu sagen. Daran glaube ich nicht. Wenn ich das lese, dann kommt bei mir ein weiterer Gedanke auf, der hier eindeutig nicht steht, aber er will nicht weggehen. Nur Menschen, die etwas Bestimmtes erlebt haben, können dazu auch etwas Wertvolles sagen oder schreiben. Ich weiß das steht hier nicht, aber was hier steht, schlägt für mich in dieselbe Kerbe und auch daran glaube ich nicht. 

Jeder Mensch, daran glaube ich, kann etwas Wertvolles sagen oder schreiben, wenn es einen emotionalen Trigger gibt, der eine tiefe Verbindung zum Thema schafft. Und ich glaube, dass es tendenziell hilfreich ist, Lebenserfahrung zu haben, was nichts anderes bedeutet, als mehr erlebt zu haben (selbst wenn nur mittelbar), oder eine alte Seele zu sein. Eine alte Seele ist für mich nicht durch Alter gekennzeichnet, sondern durch einen lebenserfahrenen Umgang mit Dingen und Gedanken, der eigentlich nicht zum Alter passt. 

Wenn nur verletzende Erfahrung zu großer Kunst führte, ich mag daran gar nicht denken. 



“Epiktet, der viel später in Rom lebte, sagte, nicht die Dinge selbst beunruhigten die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie. (....) Sie, und niemand sonst, sind für Ihre Stimmung verantwortlich.” (79f)


“You can not wait until life isn’t hard anymore, before you decide to be happy.” Das Nighbirde im Zuge ihres Castings bei America's Got Talent. Der Song, den sie singt, heißt “It’s ok”. Während sie bei der Audition ist, hat sie Krebs in ihrer Lunge, dem Rückenmark und der Leber. Seit Jahren kämpft sie gegen die Krankheit, wenige Monate später stirbt sie daran. Wir sind für unsere Stimmung selbst verantwortlich und es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern unser Urteil über sie. Die drei Sätze, die ich zitiert habe, beschreiben eine Lebenseinstellung, die ich mir im vergangenen Jahr begonnen habe anzueignen, in einer Prägnanz, wie ich sie nicht zustande bringe. 

Wir haben etwas weiter oben über Ambivalenz nachgedacht. Auch unser eigenes Befinden leidet unter der Ambivalenz. Wir denken zu viel nach, machen zu viel von zu vielem abhängig. Zufriedenheit hängt aber von nichts anderem ab, als davon ob wir uns entscheiden, zufrieden zu sein. Es ist eine Entscheidung, eine die wir jeden Tag aufs Neue treffen müssen und eine, die viel Übung in Gelassenheit und Achtsamkeit erfordert. Die Welt wäre eine ganz andere, wenn sich mehr Menschen darauf besinnen. 


“Eine Karriere, die auf Geld gerichtet ist, ist ganz und gar sinnlos geworden. Sie war es immer schon, aber heute ist das nicht mehr zu bezweifeln.” (90)


Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen. Das Versprechen des Aufstieges gilt nicht mehr - für viele hat es das nie. Wenn ich darüber nachdenke, wo das hinführt, dann schwant mir Düsteres. Zu arbeiten und sich dadurch ein schönes Leben leisten zu können ist das Narrativ, mit dem die Allermeisten von uns groß geworden sind. Und auch wenn ich es inhaltlich vollkommen teile, also dass eine Karriere, die auf Geld gerichtet ist, sinnlos ist und immer schon war, was ist die Alternative? Aufhören zu arbeiten können die Menschen nicht, wollen sie auch nicht, müssen sie aber vielleicht, wenn KI noch mehr Raum greift. Womit füllen wir dann unsere Zeit und unseren Kopf? Wohin es führen kann, wenn Menschen ihre Jobs verlieren und keine Alternative sehen, das sehen wir an der Alternative für Deutschland und selbst das ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was kommen kann. 

Sinn im Leben zu suchen, außerhalb der Karriere und des Jobs, ist absolut wünschenswert. Aber dafür braucht es auch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dass es einfach sinnlos geworden ist, weil schlicht und ergreifend unmöglich, ist ein trauriger Befund mit möglicherweise fatalen Folgen. 



“Im Alkohol- oder Drogenrausch kann man nichts herstellen, was am nächsten Tag noch Bestand hat. Das Schreiben selbst kann rauschhaft sein, aber es ist im Rausch nicht möglich zu schreiben.” (97)


Mir fallen spontan zwei Autoren ein, die das vermutlich etwas anders gesehen und gelebt haben: Hemingway und Hunter S. Thompson. Ich bin mir sehr sicher, dass nicht alles, was die beiden geschrieben haben, in gänzlich nüchternem Zustand passiert ist. 

Ich spiele gerne Schach, online, gegen Menschen aus der ganzen Welt. Eines Nachts, nach einer Feier, auf der auch getrunken wurde, spielte ich ein paar Partien. Meine Ideen kamen mir extrem klug vor, meine Züge waren brillant und ich verlor jede Partie. Für mich gilt, was Schirach sagt, also auf jeden Fall. Und weil ich das über mich weiß, habe ich auch noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, im Rausch zu schreiben. 

Was mir allerdings schon öfter passiert ist, dass ich in tiefer Ruhe und Stille einen tranceartigen Zustand erlebt habe, in dem mir Gedanken eingegeben wurden, die mir sonst verborgen geblieben wären und die mich dann auch im “wachen” Zustand noch begleitet haben. Ich weiß nicht, ob Drogen oder Alkohol etwas Ähnliches auslösen könnten - für denkbar halte ich es auf jeden Fall. 



“In der Antike gab es vier sogenannte Tugenden, von denen man glaubt, sie könnten ein Leben glücken lassen: Vernunft, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. So steht es bei Cicero. Das Wort “Tugend” hatte damals natürlich einen anderen Klang als heute. Die vierte Tugend, also die Mäßigung klingt trivial, ist aber entscheidend. Es ist ganz einfach: Alle Extreme sind falsch.” (101)


Etwas weiter oben, habe ich über meine Lebenseinstellung gesprochen. Wir entscheiden, wie wir uns fühlen. Der letzte Satz hier, dass alle Extreme falsch seien, ist die Grundlage meiner ganz privaten Philosophie. Alles Extreme ist falsch, ist die intellektuelle Kehrseite, von: ich entscheide, wie ich fühle. Selbstzufriedenheit heißt auch Genügsamkeit, sie braucht keine besonderen Einflüsse von außen, was ist ist (und wenn man möchte, mit dem Nachsatz und das ist gut so). 

Alles Extreme ist falsch, ist nach meiner Ansicht, nach der Politik und Gesellschaft agieren sollten. Auch hier besteht für mich ein Zusammenhang mit Ambivalenz. Wenn Ambivalenz dadurch entsteht, dass es eben unterschiedliche Überzeugungen, denen man in einem Moment näher, im nächsten ferner ist, dann sollte sich das auch in der Gestaltung von Politik und Gesellschaft widerspiegeln. Keinen Ausschlag in ein Extrem, weil es alle, die nicht Teil dieses Extrems sind, ausschließt.  


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