Betrug
von Zadie Smith
Gelesen und rezensiert: Dezember 2023 (523)
England und Jamaika, Ende vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts - das sind die zeitlichen und geografischen Koordinaten des neuen Werks von Zadie Smith, “Betrug”. Anders als in ihren bisherigen Werken wählt Smith in “Betrug” nicht die Gegenwart, sondern die Vergangenheit, als Rahmen für ihre unfassbar reichhaltige Erzählung.
Eliza Touchet und William Ainsworth, sind die beiden Protagonisten, die uns das gesamte Werk hindurch begleiten. Cousin und Cousine durchleben gemeinsam das 19. Jahrhundert und mit ihm ein Wechselspiel aus Erfolg und Niederlage, aus großen Träumen, Liebe, Hingabe, aber auch Treulosigkeit, Traurigkeit und Verlust. Erzählerisches Rückgrat des Buches ist die Geschichte des Falls Tichborne. In ganz Kurzen Worten: Der Sohn einer reichen Adelsfamilie, der Tichbornes, stirbt vermeintlich bei einem Schiffsunglück. Die Mutter glaubt daran nicht und sucht nach ihrem Sohn. Jahre nach dessen Tod kehrt der Sohn zurück, oder jemand, der sich dafür ausgibt. Die Mutter glaubt, es sei ihr Sohn, die Öffentlichkeit will es glauben, die Gerichte sind sich sicher, er ist es nicht. Der Anwärter, wie er genannt wird, endet schließlich im Gefängnis. Von seiner Rückkehr bis zu seiner Verurteilung vergehen allerdings mehrere Jahre, geprägt von eben so langen Gerichtsverfahren. Wer etwas mehr Details dazu erfahren möchte, dem empfehle ich den Podcast Geschichten aus der Geschichte, konkret Folge 317.
William ist Schriftsteller, Eliza wird so etwas wie die Gouvernante des Hauses, als William für mehrere Jahre auf dem Kontinent weilt. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Eliza und Frances, der Frau von William. Nach dessen Rückkehr wendet sich die Liebe von Eliza allerdings William zu - natürlich alles im Verborgenen. Die Erzählung ist subtil und gefühlvoll und nicht dramatisch oder reißerisch. Smith ermöglicht dem Leser sich in die Situation zu versetzen und zeigt gleichermaßen, dass die Irrungen des Lebens im 19. Jahrhundert sich kaum, von jenen des 21. Jahrhunderts unterscheiden - auch wenn der Kontext natürlich ein ganz anderer ist.
William zunächst erfolgreich und auf einer Stufe mit Dickens und anderen bekannten Literaten der Zeit, verliert mit zunehmendem Alter seine Leichtigkeit zusehends, was auch seinen Werken schadet. Mehr und mehr verliert er seinen Ruhm und das Leben, das erst Aufstieg bedeutet, dann das Verwalten des Erreichten, ist dann vom Untergang seines Sterns gezeichnet.
Ein großer Exkurs ist Andrew Bogle gewidmet, seines Zeichens ein Diener von Roger Tichborne - oder besser dem Anwärter. Wir begeben uns für eine lange Zeit des Buches nach Jamaika und erfahren über die Umstände dort. Besonders der Sklavenhandel und die Behandlung der Skalven werden entlang der Lebensgeschichte von Bogle aufgezeigt. Moral spielt eine große Rolle, allerdings wird Smith niemals moralisierend. Am Ende verarbeitet Eliza ihr Leben und das Leben des Anwärters in ihrem eigenen Roman “Betrug”.
Es ist ein umfangreiches Buch, das sich Zeit nimmt, heikle Themen aufgreift und ein Bild des viktorianischen Zeitalters zeichnet, das gut der Wahrheit entsprechen könnte. Fiktion und Historie reichen sich scheinbar mühelos die Hand und zu unterscheiden, was nun was ist, ist gar nicht nötig, weil es einfach schön ist, der Geschichte zu folgen. Ich habe jede Seite mit Freude gelesen und empfehle das Buch jedem, der auf erzählerische Feinheit und einen Blick auf eine mögliche Vergangenheit werfen möchte.
Ihre Gedanken, meine Gedanken
“Kein Gesetz, William, ob nun Kriegsrecht herrscht oder ein anderes Recht, legitimiert je ein blutiges Gemetzel.”
Ein kurzer Satz, der näher nicht an meinem Herzen und an meinem Verstand sein kann. Nahe an meinem Herzen ist er, weil ich menschliches Leid, vor allem wenn es auf irgendeine Art vermeidbar ist, verabscheue. Nahe an meinem Verstand ist er, weil darin eine Unterbrechungslogik enthalten ist. Auf Gewalt folgt in der Realität sehr oft Gewalt und nicht selten ist die Reaktion, obwohl häufig scheinbar legitimiert, unverhältnismäßig. Ein kurzer Blick nach Israel reicht, um zu zeigen, was ich meine. Ein grausamer, durch nichts zu rechtfertigender Terroranschlag, der mehr als 1.000 Israelis das Leben kostet, erschüttert das Land und die Welt am 7. Oktober. Nur Stunden später beteuert der Westen das Selbstverteidigungsrecht Israels und Tage später wird eben dieses Recht so weit ausgedehnt, dass es einen Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen rechtfertigt. Heute stehen dort israelische Bodentruppen und Bomben und Raketen hageln auf Zivilisten, wie Hamas-Terroristen ein. Schätzungen zufolge beläuft sich die Anzahl der getöteten Palästinenser auf mehr als 10.000. Kein Recht, legitimiert ein blutiges Gemetzel. Wäre dieser Satz beherzigt worden, von beiden Seiten, heute würden mehr als 11.000 Menschen ihr Leben nicht verloren haben - ein schöner Gedanke, der sich leider einer zu grausamen Realität beugen muss.
“Zumal das Schreiben von Romanen - selbst wenn sie gut waren - für Mrs. Touchets Dafürhalten keine allzu vernünftige Reaktion auf monetäre Krisen darstellte.”
Die Wege, sich aus finanziellen Krisen zu befreien, sind vielfältig, manchmal kreativ, manchmal rational, manchmal auch kriminell. Einen Roman zu schreiben, würde am ehesten in die Kategorie “kreativ” fallen, meine ich. Da während des Schreibens, aber gar nicht klar ist, ob das Buch je zu einem Ende kommen wird, oder ob es gut sein wird, und schließlich auch erfolgreich sein wird, macht diesen Weg von sehr vielen Unwägbarkeiten abhängig. Selbst wer schnell schreibt, wie es William tut, der Protagonist, auf den sich Mrs. Touchet hier bezieht, und auch schon erfolgreich war, wie Williams ebenfalls, geht damit ein gewisses Risiko ein. Außerdem bin ich der romantischen Überzeugung, dass Romane nicht wegen des Geldes entstehen sollten, das sie möglicherweise einbringen können. In der Literatur gilt für mich ein Sprichwort aus dem Segelfliegen in leicht abgewandelter Form. Im Original heißt es: Benzin verdirbt den Charakter. Im Falle der Literatur hieße es für mich: Geld verdirbt den Charakter (des Werks).
“Meiner Meinung nach kann jedes kleine Laster umstandslos zum Verbrechen werden - es ist nur eine graduelle Frage. "Selbstsucht, Eitelkeit, Selbsttäuschung - sie alle liegen oft genug den schlimmsten Verbrechen zugrunde, die wir kennen.”
So spricht in Zadie Smiths Werk, ein sehr moralischer Charles Dickens. Ich habe häufig das Gefühl, dass wir jene Laster, die uns selbst anhaften, als moralisch weniger verwerflich einzustufen, als die Laster anderer. Bei uns selbst, versichern wir uns stets, dass ein Laster im Ausmaß immer noch erträglich ist, bei anderen sehen wir oft das Potential des Lasters in seinen negativen Auswirkungen. Einfaches Beispiel: Essen. Essen wir selbst gerne viel, vielleicht auch zu viel, vergewissern wir uns stets, Gourmets zu sein. Hat einer unserer Freunde zugenommen, vielleicht sogar deutlich, dann sehen wir die Fettleber. Die Einschätzung des Ausmaßes von Laster unterscheidet sich also in der Außen- und Innenwahrnehmung. Ob jedes kleine Laster - die graduelle Frage haben wir bereits beschrieben - auch Ausgangspunkt eines Verbrechens sein kann, würde ich mit ja beantworten, aus einem Grund. Dem Menschen ist schlichtweg alles zuzutrauen. Gründe für Verbrechen sind oft so marginal oder banal, warum also nicht auch ein kleines Laster? Das macht Verbrechen und Verbrecher ja auch so unberechenbar und lässt uns oft fragend zurück, wenn wir Gründe für Verbrechen erfahren.
“Über das Genie und die Talente eines Mannes urteilt man am besten anhand der Anzahl seiner Feinde - über seine Mittelmäßigkeit anhand der Anzahl seiner Freunde.”
Ein Aphorismus, der auf den ersten Blick irgendwie einleuchtet. Genies sind nicht selten etwas verschroben, sie treten aber jedenfalls aus der Welt des Gewöhnlichen heraus und fordern damit die Masse, die dem Gewöhnlichen gewöhnlich folgt, heraus. Genies provozieren also und das ruft Neider, Vermeider, Reaktionäre auf den Plan, die mithin mit großem Eifer gegen das Genie wettern und mithin als Feinde betrachtet werden können. Für das Genie eines Menschen mag das also stimmen. Bei den Talenten sehe ich das schon etwas anders. Genies sind selten, äußerst selten sogar, Talente hingegen schlummern aus meiner Sicht in jedem von uns. Hätte jeder Mensch mit Talen (in meiner Welt also alle Menschen) mehr Feinde als Freunde, wäre es eine traurige Welt und vor allem würde sie nicht dem entsprechen, was ich täglich beobachte. Gleich und gleich gesellt sich gern, so heißt ein altes Sprichwort. Wenn der Großteil der Menschen Mittelmaß ist, dann ist auch klar, dass Mittelmäßigkeit, die eben beinahe alle Menschen einschließt, in beinahe jeder Freundschaft als Bedingung ausgemacht werden kann - wobei ich sie selten für die Entscheidende halten würden, also Menschen werden nicht Freunde weil sie sich ihrer Mittelmäßigkeit bewusst sind. Wenn ich einen Großteil der Menschen, also 99 Prozent, dem Mittelmaß zuordne, stimmt allerdings die Schlussfolgerung nicht. Es gibt viele Menschen, alle mittelmäßig, die sich nicht über eine zu große Anzahl an Freunden freuen können.
“Wie leicht es fiel, ihn zu lieben, wenn er so glücklich war! Wie leicht es fiel, einen jeden Menschen in solchem Zustand zu lieben.”
Ist es wirklich leichter, glückliche Menschen zu lieben? Ich bin mir nicht ganz sicher, weil ich es an mir etwas anders wahrnehme. Zum Lieben gehören immer zwei, das mal als Grundbedingung. Klar, wenn beide glücklich sind und in Hochstimmung, dann ist das Leben einfach und schön und vermutlich fällt es dann leicht, sich zu lieben, weil man eben einfach glücklich ist. Alles fühlt sich großartig an, nichts fällt schwer und der andere ist das Beste, das es gibt auf der Welt. Ich finde allerdings in solchen Momenten, ist das bestimmende Gefühl eben das Glücksgefühl, nicht unbedingt die Liebe. Natürlich gibt es Momente im Leben, in denen das Glück sehr weit weg ist. Schicksalsschläge, traurige Ereignisse gehören auch dazu. Und ich habe nicht das Gefühl, dass es mir in solchen Momenten schwerer fällt zu lieben, ganz im Gegenteil. Gerade in den Momenten, wo einen der andere braucht, finde ich es besonders leicht - weil das auch ein bisschen das Wesen der Liebe ist, sich um den anderen zu kümmern, wenn es nötig ist. Schwierig zu lieben ist es für mich am ehesten dann, wenn der andere keine Gefühle zeigt. Das Gegenteil von Liebe, so heißt es, ist ja auch nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit.
“Und die Moral des Ganzen war, laut Mr. Dickens und Mr. Horne, der Fortschritt. Vorwärts. Immer weiter vorwärts. Immer mehr, immer größer. Die Menschheit müsse `vorangebracht´, die Landwirtschaft perfektioniert, die Effizienz nur noch effizienter gemacht werden.”
Mrs Touchet besucht mit den Kindern und mit Dickens und Horne die Weltausstellung in London. Dickens und Horne sind begeistert, weiter und immer weiter, vorwärts und nur vorwärts, dort liegt das Heil. Mrs. Touchet ist zurückhaltend, fragt sich, ob das wirklich der Weg sein kann, ob die beiden das wirklich glauben. Aus gutem Grund, wie ich finde. Fortschritt, so oft verwendet, um zu zeigen, dass das Heil in der Zukunft liegt, wenn wir es nur richtig machen. Der Glaube an neue Techniken und neues Wissen würde uns helfen, endlich alle glücklich zu werden - oder im 21. Jahrhundert, zumindest nicht am Klimawandel zu verrecken. Ich glaube daran nicht. Das Glück ist bereits da, es ist in uns. Durch die Zeit zu jagen, immer vorwärts, weil vorne alles besser ist, ist die Grundlage für unser überhitztes System. Mehr und immer mehr, braucht mehr und immer mehr, bis zu einem Punkt, wo es einfach kein Mehr gibt. Statt das Mehr im Außen zu suchen in der Entwicklung, glaube ich, wir sollten unseren Blick nach innen richten und das Mehr in uns suchen. Ein besseres Leben entsteht nicht durch ein größeres Auto, eine schönere Wohnung oder den teuren Urlaub, ein schönes Leben entsteht durch Genügsamkeit, Selbstzufriedenheit und darin die Tiefen der eigenen Seele und Gedanken zu ergründen - und vielleicht darin zu erkennen, dass wir in allem und alles in uns ist.
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