Eden

von: Marc Elsberg gelesen und rezensiert: März 2026




Normalerweise lasse ich ein paar Tage vergehen, bevor ich mich an die Rezension eines Buches setze, weil ich das Ganze ein wenig auf mich wirken lassen will. Aber in diesem Fall geht das nicht. Die Wirkung des Werkes, das Werk selbst, so wie ich es verstehe, beruht auf einer atemlosen Unmittelbarkeit - die Gott sei Dank noch (?) ein dystopisches Szenario der Entwicklung unseres Planeten zeigt.



Krise, Krise, Klimakrise, Krise,...


Woran denkst du, wenn du an die Krisen von heute denkst? Während ich diese Zeilen schreibe, steht gerade der Krieg im Nahen Osten ganz hoch auf der Agenda, den die USA und Israel - berechtigt oder nicht, steht hier gar nicht zur Diskussion - losgetreten haben. Davor war es der Krieg in der Ukraine und davor? Davor war es die Pandemie. Und davor? Da war es der Klimawandel und davor die Eurokrise und die Finanzkrise. In der Liste der Krisen, ist der Klimawandel nur eine unter vielen, die sich Ablösen in der Aufmerksamkeitsökonomie.

Wenn wir vom Klimawandel sprechen, dann meinen wir oft eigentlich die Klimakatastrophe, auf die wir zusteuern - der Klimawandel ist davon nur ein Teil. Es geht um viel mehr: Extremwetter-Ereignisse, Anstieg des Meeresspiegels, Verlust der Artenvielfalt und damit verbunden das Zusammenbrechen ganzer Ökosysteme, Wasserkrisen, Ernteausfälle und als Resultat all dessen eine unvorstellbare sozioökonomische Krise. Alle genannten Aspekte sind medial in den Hintergrund getreten, aber fast noch schlimmer, all diese Aspekte werden nicht selten als verschiedene Krisen beschrieben, die nicht oder nur in geringem Ausmaß miteinander in Verbindung stehen. 



Was, wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt?


In “Eden” zeigt Elsberg, wie sehr diese Aspekte miteinander verwoben sind. Das dystopische Setting, das er dafür nutzt ist das einer Multikrise. Was ist das? Wir haben uns mittlerweile mit dem Begriff der Tipping Points angefreundet. Wir verstehen, dass Entwicklungen bis zu einem gewissen Punkt in etwa linear verlaufen und dann kippen und exponentiell werden. Aber wir leben immer noch in der Vorstellung, dass die Tipping Points linear ablaufen. Also schön hintereinander, so dass wir es immer mit einer Krise nach der anderen zu tun haben, die wir dann nacheinander irgendwie überstehen. Das Konzept der Multikrise ist einfach: Was wenn mehrere Teilsysteme gleichzeitig kippen und damit eine sich verstärkende Dynamik auslösen, so dass alle Teilsysteme beinahe zeitgleich kippen? 

Was dann passieren könnte, das zeigt Elsberg in seinem Buch auf eine atemlose, angespannte und dennoch faszinierende Weise. Mit klarem Blick zeigt er die Mechanismen, die unser Wirtschaftssystem antreiben, unsere Politik und unsere Gesellschaft als Ganzes. Ich musste immer wieder an einen Satz denken, den ich bei Adam Grant “Think again” gelesen habe, sinngemäß: Die Menschen ignorieren ein Problem, sofern ihnen die Lösung nicht gefällt. In Wahrheit könnte es noch schlimmer sein, die Menschen befeuern ein Problem, wenn sie damit Profit mac
hen können. 



Leseempfehlung

Wer wissen will was Hippo+ ist, wer ein Gefühl dafür bekommen will, dass die Klimakatastrophe nicht 20 unterschiedliche Aspekte sind, die sich schön nacheinander abspielen müssen, so dass wir uns irgendwie durchlavieren können, wer überhaupt wieder an dem Thema andocken will, der ist in dem Buch absolut richtig aufgehoben. Für mich definitiv das Buch des Jahres 2026.


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