Elisabeth T. Spira

 von Stefanie Panzenböck


Es ist etwas anderes, eine Rezension zu schreiben, wenn man die Autorin kennt. Wir waren eine ganze Zeit lang wirklich eng befreundet und haben eine durchaus wechselvolle Zeit gemeinsam durchlebt. Ich kenne Stefie also ziemlich gut, oder besser gesagt, ich kannte das Ich von ihr, vor ein paar Jahren. Ich bin als Rezensent also befangen, weil ich Gedanken und Vermutungen in meine Rezension einfließen lasse, die eben auf dem Bekanntsein mit der Autorin beruhen. Andererseits gibt das dem ganzen vielleicht einen kleinen Twist, der dem Leser oder der Leserin der Rezension etwas aufzeigt, was sonst verborgen geblieben wäre.

Aber genug der Vorrede. Stefie hat sich für ihr erstes Buch - falls es das ist - oder für die erste Biografie - falls sie es ist - jedenfalls hat sie sich mit Elisabeth T. Spira genau die Richtige, leider verschiedene Protagonistin, ausgesucht. Das Subtile, die Zwischentöne, war immer etwas, worauf Stefie besonders sensibel war und sie teilt das mit Toni - die ich nur so nenne, weil ich mich durch das Buch sehr mit ihr verbunden fühle.

Eine wechselvolle Geschichte, die hat auch Elizabeth hinter sich, Zeit ihres Lebens. Geboren ist sie als Kind emigrierter österreichischer Juden und Kommunisten, während des zweiten Weltkriegs in Glasgow. Und wenn ein Leben schon so beginnt, könnte man sagen. Kurz nach dem Krieg sind die Eltern bereits zurück nach Wien. Selten genug für Menschen, die das Land noch vor wenigen Jahren aufgrund der politischen Verfolgung verlassen mussten. Doch es ist im Fall der Eltern von Toni noch spezieller. Sie kommen auf Einladung oder auf Wunsch der russischen Führung. Der Vater lange aktiv in der KPÖ, bevor es viel später zum Bruch kommt, soll dabei helfen die Kommunisten in Österreich zu einer Nummer zu machen. Wer ein bisschen über die Geschichte Österreichs weiß, der weiß, dass das sich nie erfüllt hat. Und das spielt eine bedeutende Rolle im Leben von Elizabeth. Sie war eine Außenseiterin. Zunächst weil sie als Kind kaum die Sprache ihrer Spielkameraden verstand, dann weil sie Kommunistin - oder zumindest die Tochter von Kommunisten war und politisch so erzogen wurde- und schließlich weil sie Jüdin war. Und wer mit dem Buch die vielen Fäden des Lebens von Elizabeth T. Spira verfolgt, in der Form, wie sie von Stefie, verwoben wurden, der erfährt, dass sie vor allem das ihr Leben lang begleitet hat. Zunächst waren es noch die offenen antisemitischen Äußerungen und Handlungen mit denen sie konfrontiert war. Dann veränderte sich etwas im Nachkriegsösterreich. Die Anfeindungen waren nach wie vor da, aber sie wurden nicht mehr so offen zur Schau gestellt. Es waren eher die Hinterzimmer verrauchter Lokale die ihnen leider weiterhin ein zu Hause boten. Und genau auf diese richtete Toni ihre Linse. Nach einer wechselvollen Jugend, getrieben von dem Verlangen Österreich verlassen zu wollen um am Ende festzustellen, dass sie es nicht kann, landete sie im Journalismus. Genauer gesagt beim ORF. Die Sendung teleobjektiv gab ihr ein berufliches Zuhause und für einige Jahre. Dort begann, wofür sie berühmt wurde. Hinter der Kamera das Alltägliche einzufangen. Einige Sendungen lösten Skandale aus und zumindest eine wurde erst viele Jahre später veröffentlicht. Auch privat setzte sich das Leben von Spira gemeinsam mit ihrem Mann - Hans Schmid. Eine Adoptivtochter sollte das Glück der kleinen Familie abrunden, doch ganz so einfach war es nicht. Spira wollte kein Muttertier sein, das nur für die Kinder lebt und das in einer Zeit wo das doch noch sehr dem Common Sense entsprach. Eine entsprechend schwierige Beziehung hatten die beiden auch zueinander. Und das sollte sich auch ihr Leben lang nicht ändern. Was sich allerdings ändern sollte, war ihre berufliche Aufgabe. Nach ständigen Querelen zwischen ihrem Chef und dem Generalintendanten war es Anfang der 80er Jahre schließlich soweit. Sie musste teleobjektiv verlassen. Was zunächst ein Tiefschlag für sie war, bot ihr dann aber die Möglichkeit sich mit einem neuen Format in die kollektive Seele der Österreicher:innen einzubrennen. Sie schuf ihre “Alltagsgeschichten”. Hinter der Kamera stellte sie Fragen und die Menschen erzählten ihre Geschichte. Was Spira damit nicht schafft und was auch nicht ihr Anspruch war, ist ein vollständiges Bild der Gesellschaft. Sie wählte mit ihrem Team Orte aus und die Menschen, die kamen wurden befragt, eklizistisch und unvollständig, aber nichts desto weniger, eindrucksvoll. Die Filme sind Zeitdokumente, einige kritisch, manche witzig, vieles trivial, manches auch traurig. Wie das Leben eben so ist. Der Vorwurf sie würde sich auf Randgruppen konzentrieren und die Österreicher:innen in einem schlechten Licht erscheinen lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Diese Szenen, diese Menschen, gehören zu Österreich, aber sie sind nicht Österreich. Vielleicht fühlen sich einige angegriffen oder angefasst, weil sie doch Teile davon auch in sich finden - aber das ist eine reine Mutmaßung. Nach den Alltagsgeschichten und teilweise auch von ihnen ausgelöst entstand ein zweites Format, das auch ihren Tod überdauert hat. Liebesgeschichten und Heiratssachen - eine Anleihe von Nestroy wurde geboren. Menschen unterschiedlichster Provenienz, mit den verschiedensten Hintergründen und Vorlieben, suchten mit ihr und durch ihre Sendung einen neuen Partner. Manche waren erfolgreich, einige nicht. Die Suche nach Liebe ist ein zeitloses Thema und wenn es so inszeniert ist wie in dieser Sendung, nämlich einfach ehrlich, ohne etwas zu erfinden, ohne die Menschen zu etwas zu drängen, dann wird das Format weiterbestehen. Am Ende fällt der Vorhang für Spira. Sie geht, ihr Vermächtnis bleibt.

Ich mochte das Buch. Es wirft einen intensiven Blick auf ein intensives Leben. Es nimmt sich Zeit und ist nicht auf Effekthascherei aus. Es wird erzählt, was erzählt werden kann aus diesem vielfältigen Leben. Vielleicht ist es ein bisschen zu unkritisch gegenüber der Person, weil es die negativen Seiten der Spira zwar erwähnt, aber diese geringer gewichtet als die positiven. Aber warum auch nicht, jeder Mensch hat seine Schattenseiten und die Welt ist voll von Negativem, vielleicht ist es einfach schlau, sich auch mal auf das Positive zu konzentrieren. Das Buch ist für mich kein must-read, aber wer ein bisschen hinter die “Alltagsgeschichten” blicken will, der sollte es sich nicht entgehen lassen, den Menschen zu verstehen, der sie geschaffen hat.  


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